Gestern, 13:21
„Du glaubst wirklich, dass alles in Ordnung ist, solange man selbst dabei Freude empfindet.“ Ein leises, hilfloses Lachen löste sich aus Hopes Kehle, kaum mehr als ein brüchiger Atemzug, der rasch wieder verklang, weil sie selbst nicht wusste, was daran komisch sein sollte. Vielleicht war es lediglich die Absurdität, dass Mammon all das, was für sie mit Blut, Schuld und Angst verbunden war, mit einer solchen Einfachheit betrachtete. Sie suchte in seinem Gesicht nach irgendeinem Hinweis darauf, dass er nur provozierte, doch er schien es tatsächlich ernst zu meinen. Für ihn waren Begierden etwas, dem man nachgab; für Hope war jeder Wunsch bereits mit der Frage verbunden, wie Lamia ihn gegen sie verwenden und wer am Ende dafür bezahlen würde. Trotzdem führte Mammon jedes ihrer Worte an denselben Punkt zurück, als müsste sie nur oft genug hören, wie einfach es angeblich war, bis sie selbst daran glaubte. Finde heraus, was dir Spaß macht, und tu es einfach. Ihre Kiefermuskeln spannten sich an, ihre Unterlippe begann zu zittern und in ihren Augen vermischte sich Angst mit einem erschöpften Rest Trotz. „Ich kann es so nicht“, brachte sie gepresst hervor, doch die Verzweiflung ließ sie die Worte lauter und hart voneinander getrennt wiederholen. „ICH! KANN! ES! SO! NICHT!“ Bei den letzten Worten wurde ihre Stimme tiefer und rauer und gewann eine dunkle, beinahe unnatürliche Kraft. Es war in diesem Moment jedoch nicht Lamia, die durch sie sprach, sondern noch immer Hope – nur schien etwas von der dämonischen Kraft in ihr eigenes Aufbegehren überzugehen, ohne ihr die Kontrolle zu entreißen. Die Grenze zwischen beiden löste sich nicht auf, sondern verschob sich für einen Augenblick.
Hope verstummte erschrocken, weil sie die Veränderung selbst gehört hatte, doch neben Angst und Trotz lag nun eine fremdartige Entschlossenheit in ihrem Blick. „Du redest davon, als wäre es nur eine Entscheidung“, fuhr sie leiser fort, doch man konnte in ihrer Stimme nach wie vor ihre Irritation über die Veränderung eben dieser vernehmen. „Als müsste ich bloß beschließen, dass es mir egal ist, wer verletzt wird, solange ich vorher für ein paar Minuten glücklich war.“
Als Mammon abwinkte und ankündigte, sie würden das Ganze nun beschleunigen, wollte die Dunkelhaarige zurückweichen, doch ihre Füße gehorchten nicht. Sein Blick hielt ihren fest, der Abstand zwischen ihnen schwand und plötzlich schien keine Luft mehr in ihre Lungen zu gelangen. Sie öffnete den Mund, ohne einatmen zu können, während sich seine Frage nicht länger wie bloße Neugier anfühlte, sondern wie ein Griff, der tief in ihr nach etwas suchte, das sie selbst verborgen halten wollte. „Dass… du… aufhörst“, presste sie hervor. Es war ihr unmittelbarster Wunsch, doch schon während sie ihn aussprach, spürte sie, dass er nicht genügte. Die Wahrheit blieb nicht an der Oberfläche, sondern wurde weiter aus ihr herausgezogen. Hope schüttelte den Kopf, während ihre Augen für einen Moment leicht nach oben glitten. „Nein… das ist nicht…“ Ihre Stimme brach ab.
„Ich möchte…, dass… dass jemand mich ansieht und nicht sie.“ Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, und dennoch fühlte sich jede Silbe an, als würde sie etwas Schutzloses in ihr freilegen. „Ich möchte, dass jemand weiß, was in mir ist… was sie ist… und trotzdem bleibt.“ Ihre Unterlippe zitterte, doch Mammons Einfluss ließ sie nicht verstummen. Es ging einfach nicht!
„Ich möchte nicht mehr allein damit sein.“ Erst jetzt erkannte sie, dass ihr Wunsch, ungesehen zu bleiben, nie die ganze Wahrheit gewesen war. Sie wollte gesehen werden – nur nicht als Gefahr oder als das Gesicht, hinter dem alle auf Lamia warteten. „Aber ich weiß nicht, wie“, gestand sie heiser. „Ich möchte wissen, wie es ist, wenn jemand neben mir sitzt und ich nicht ständig darauf achten muss, genügend Abstand zu halten. Wenn mich jemand berührt, ohne dass ich sofort zusammenzucke. Ich möchte mich an jemanden lehnen, eine Hand halten, jemanden umarmen… vielleicht sogar neben jemandem einschlafen und darauf vertrauen, dass er am nächsten Morgen noch da ist. Aber ich weiß nicht, wie ich jemanden so nah an mich heranlassen soll, ohne Angst zu haben, dass Lamia ihn dafür bestraft.“
Ein schmerzhafter Atemzug drang über ihre Lippen, doch unter der Hilflosigkeit schob sich plötzlich Härte hervor. Es war eine weitere Entblößung ihres Innersten, als würde Mammons Einfluss nun auch aus einer noch tieferen Schicht eine Wahrheit hervorziehen, die Hope selbst dort vergraben hatte.
„Und ich will, dass diejenigen, die mir wehgetan haben, nicht einfach damit davonkommen.“ Ihre Stimme wurde fester, die Verzweiflung in ihr wich jedoch nicht. „Die Ärzte… Pfleger. All diese angesehenen Menschen, denen jeder geglaubt hat, nur weil sie einen weißen Kittel trugen oder den Schlüssel zu meiner Zelle besaßen.“ Schritte vor verschlossenen Türen und das metallische Drehen eines Schlüssels im Schloss drängten sich in ihre Erinnerung. „Ich möchte, dass sie einmal genauso hilflos sind, wie ich es war. Dass sie Angst bekommen, wenn sie Schritte vor ihrer Tür hören. Dass sie wissen, wie es ist, wenn jemand hereinkommen kann und man selbst nichts dagegen tun kann.“ Hope schüttelte schwach den Kopf, doch die Wahrheit gehörte nicht Lamia und ließ sich deshalb nicht auf sie abschieben. Es tat ihr selbst weh, diesen Wunsch auszusprechen, ohne ihn noch zurückhalten zu können. „Ich will, dass sie bezahlen. Und manchmal will ich, dass es ihnen genauso wehtut, wie es mir wehgetan hat.“ Ihre Stimme sank beinahe zu einem Flüstern, als dürfte dies niemand vernehmen. „Ich weiß nur nicht, wie ich Rache wollen kann, ohne irgendwann genauso zu werden wie sie.“
Als Mammons Einfluss nachließ, sog Hope schmerzhaft Luft ein und wich zurück. Ihr Körper bebte, ihr Gesicht brannte vor Scham, doch darunter regte sich Wut. Er hatte ihr Nein gehört und trotzdem weitergemacht. Langsam hob sie den Kopf. Tränen glänzten in ihren Augen, doch ihre leise Stimme besaß eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. „Ich habe Nein gesagt!“ Sie hielt seinem Blick nicht vollständig stand, entzog sich ihm aber auch nicht mehr. „Du hast gehört, dass ich es nicht wollte!“ Ihre Finger zitterten, bis sie sie zu Fäusten schloss. Wie hatte er es wagen können, so tief in sie einzudringen und all diese Dinge aus ihr herauszuzerren? Angst, Wut und Trotz mischten sich und ließen sie seine Macht vergessen, von der sie bereits wusste, dass er sie zweifelsohne besaß. „Du kannst Menschen nicht einfach öffnen, nur weil dir ihre Antworten vorher nicht gefallen haben!“
Als Mammon anschließend glaubte, sie habe seine Erklärung über die Schuld missverstanden, schüttelte Hope kaum merklich den Kopf. „Ich weiß, dass es nicht um die Uhr geht. Sie erinnert mich nur daran.“ Ihr Blick fiel zu der Tasche auf dem Boden. Die Rolex darin war längst zum sichtbaren Zeichen einer Verpflichtung geworden, deren Inhalt allein Mammon bestimmen wollte. „Daran, dass ich hier eingedrungen bin. Und daran, dass du irgendwann entscheiden willst, was es kostet.“ Trotzdem hob sie den Blick wieder zu ihm, auch wenn die eben noch so deutliche Festigkeit bereits erste Risse zeigte. Seine Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob sie überhaupt bezahlen konnte, ließ ein Frösteln über ihre Haut laufen. Trotzdem hob sie den Blick mit einem unsicheren Schein wieder. „Ich weiß, dass es mein Problem ist. Und genau deshalb habe ich gefragt, was passiert, wenn ich meine Schuld nicht bezahlen kann.“ In ihrer Stimme lag, obwohl sie nach wie vor leise war, auch eine gewisse Festigkeit und auch die Klarheit darüber, dass sie mit allem rechnen musste – daran war sie immerhin schon gewöhnt.
Als er anschließend erneut behauptete, sie könne endlich einmal Spaß haben, entwich Hope ein erschöpftes Ausatmen. Erneut führte er das Gespräch dorthin zurück. Sie erklärte ihre Angst diesmal nicht erneut. Er wusste genug, und wenn er sie noch immer nicht verstand, fehlten nicht die richtigen Worte.
Stattdessen griff sie erneut nach dem Scotchglas, an dem sie bislang nur vorsichtig genippt hatte, und leerte es in einem Zug. Es brannte bei der ersten Berührung in ihrem Mund so sehr, dass Hope das Gefühl hatte, sie könnte im nächsten Moment wohlmöglich Feuer spucken. Doch der Alkohol brannte ihr nicht nur über die Zunge und die Kehle hinab, sondern setzte sich unter ihrem Brustbein fest, sodass ihr für einen Moment Tränen in die Augen stiegen. Dennoch setzte sie das Glas erst wieder ab, als es leer war. War es der reine Trotz darüber, dass er sie nicht verstehen wollte? Jedenfalls war sie hier oben für andere eine weniger große Gefahr, als unten in der Menschenmenge. Schlussendlich hatte er aus ihr sowieso Dinge herausbekommen, die sie zuvor noch abgrundtief in sich vergraben gewusst hatte. Ihre Miene blieb dabei beinahe unbewegt, doch aus ihrem Blick sprach unverhohlene Abscheu.
Erst als Mammon von der Musik in der Hölle erzählte, löste sich etwas von der Härte aus Hopes Haltung. Dass sie dort als Folterinstrument verwendet wurde, überraschte sie kaum, wohl aber, dass er selbst beim Klavierspiel zuerst von Wirkung, Geld und Macht sprach. Bei seiner Behauptung, niemand könne so gut spielen wie er, erschien für einen flüchtigen Moment ein kleines, erschöpftes Lächeln auf ihren Lippen. „Du hast mir erklärt, wofür du Musik nutzt“, stellte sie fest. „Warum die Menschen wiederkommen und dir ihr Geld geben. Aber nicht, warum du selbst spielst.“ Ihr Blick glitt zu den Tasten und wieder zu ihm. Die Frage war diesmal ihre eigene. Niemand zog sie aus ihr heraus. Hope atmete langsam ein und erlaubte sich einen kleinen Wunsch. Immerhin hatte er gerade einen Blick auf ihre entblößte Seele erzwungen. Nun wollte sie wenigstens etwas von ihm sehen, das nicht für seine Gäste, sein Geld oder seine Macht bestimmt war Da war er wieder, der Trotz, der nicht Lamia, sondern Hope zuzuschreiben war. „Dann spiel mir etwas vor.“ Sie zögerte kurz. „Aber nicht das, womit du deine Gäste fesselst. Etwas, das du spielst, wenn niemand zuhört.“ War das gerade eine Frage zur Ablenkung von ihr selbst, oder spielte sie gerade bewusst mit dem Feuer? Der Scotch begann sich bereits warm in ihr auszubreiten. Vielleicht war es noch keine Hingabe an ihre Begierden, aber zum ersten Mal hatte Hope sich selbst erlaubt, einer von ihnen einen kleinen Schritt entgegenzugehen.
Hope verstummte erschrocken, weil sie die Veränderung selbst gehört hatte, doch neben Angst und Trotz lag nun eine fremdartige Entschlossenheit in ihrem Blick. „Du redest davon, als wäre es nur eine Entscheidung“, fuhr sie leiser fort, doch man konnte in ihrer Stimme nach wie vor ihre Irritation über die Veränderung eben dieser vernehmen. „Als müsste ich bloß beschließen, dass es mir egal ist, wer verletzt wird, solange ich vorher für ein paar Minuten glücklich war.“
Als Mammon abwinkte und ankündigte, sie würden das Ganze nun beschleunigen, wollte die Dunkelhaarige zurückweichen, doch ihre Füße gehorchten nicht. Sein Blick hielt ihren fest, der Abstand zwischen ihnen schwand und plötzlich schien keine Luft mehr in ihre Lungen zu gelangen. Sie öffnete den Mund, ohne einatmen zu können, während sich seine Frage nicht länger wie bloße Neugier anfühlte, sondern wie ein Griff, der tief in ihr nach etwas suchte, das sie selbst verborgen halten wollte. „Dass… du… aufhörst“, presste sie hervor. Es war ihr unmittelbarster Wunsch, doch schon während sie ihn aussprach, spürte sie, dass er nicht genügte. Die Wahrheit blieb nicht an der Oberfläche, sondern wurde weiter aus ihr herausgezogen. Hope schüttelte den Kopf, während ihre Augen für einen Moment leicht nach oben glitten. „Nein… das ist nicht…“ Ihre Stimme brach ab.
„Ich möchte…, dass… dass jemand mich ansieht und nicht sie.“ Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, und dennoch fühlte sich jede Silbe an, als würde sie etwas Schutzloses in ihr freilegen. „Ich möchte, dass jemand weiß, was in mir ist… was sie ist… und trotzdem bleibt.“ Ihre Unterlippe zitterte, doch Mammons Einfluss ließ sie nicht verstummen. Es ging einfach nicht!
„Ich möchte nicht mehr allein damit sein.“ Erst jetzt erkannte sie, dass ihr Wunsch, ungesehen zu bleiben, nie die ganze Wahrheit gewesen war. Sie wollte gesehen werden – nur nicht als Gefahr oder als das Gesicht, hinter dem alle auf Lamia warteten. „Aber ich weiß nicht, wie“, gestand sie heiser. „Ich möchte wissen, wie es ist, wenn jemand neben mir sitzt und ich nicht ständig darauf achten muss, genügend Abstand zu halten. Wenn mich jemand berührt, ohne dass ich sofort zusammenzucke. Ich möchte mich an jemanden lehnen, eine Hand halten, jemanden umarmen… vielleicht sogar neben jemandem einschlafen und darauf vertrauen, dass er am nächsten Morgen noch da ist. Aber ich weiß nicht, wie ich jemanden so nah an mich heranlassen soll, ohne Angst zu haben, dass Lamia ihn dafür bestraft.“
Ein schmerzhafter Atemzug drang über ihre Lippen, doch unter der Hilflosigkeit schob sich plötzlich Härte hervor. Es war eine weitere Entblößung ihres Innersten, als würde Mammons Einfluss nun auch aus einer noch tieferen Schicht eine Wahrheit hervorziehen, die Hope selbst dort vergraben hatte.
„Und ich will, dass diejenigen, die mir wehgetan haben, nicht einfach damit davonkommen.“ Ihre Stimme wurde fester, die Verzweiflung in ihr wich jedoch nicht. „Die Ärzte… Pfleger. All diese angesehenen Menschen, denen jeder geglaubt hat, nur weil sie einen weißen Kittel trugen oder den Schlüssel zu meiner Zelle besaßen.“ Schritte vor verschlossenen Türen und das metallische Drehen eines Schlüssels im Schloss drängten sich in ihre Erinnerung. „Ich möchte, dass sie einmal genauso hilflos sind, wie ich es war. Dass sie Angst bekommen, wenn sie Schritte vor ihrer Tür hören. Dass sie wissen, wie es ist, wenn jemand hereinkommen kann und man selbst nichts dagegen tun kann.“ Hope schüttelte schwach den Kopf, doch die Wahrheit gehörte nicht Lamia und ließ sich deshalb nicht auf sie abschieben. Es tat ihr selbst weh, diesen Wunsch auszusprechen, ohne ihn noch zurückhalten zu können. „Ich will, dass sie bezahlen. Und manchmal will ich, dass es ihnen genauso wehtut, wie es mir wehgetan hat.“ Ihre Stimme sank beinahe zu einem Flüstern, als dürfte dies niemand vernehmen. „Ich weiß nur nicht, wie ich Rache wollen kann, ohne irgendwann genauso zu werden wie sie.“
Als Mammons Einfluss nachließ, sog Hope schmerzhaft Luft ein und wich zurück. Ihr Körper bebte, ihr Gesicht brannte vor Scham, doch darunter regte sich Wut. Er hatte ihr Nein gehört und trotzdem weitergemacht. Langsam hob sie den Kopf. Tränen glänzten in ihren Augen, doch ihre leise Stimme besaß eine Schärfe, die vorher nicht da gewesen war. „Ich habe Nein gesagt!“ Sie hielt seinem Blick nicht vollständig stand, entzog sich ihm aber auch nicht mehr. „Du hast gehört, dass ich es nicht wollte!“ Ihre Finger zitterten, bis sie sie zu Fäusten schloss. Wie hatte er es wagen können, so tief in sie einzudringen und all diese Dinge aus ihr herauszuzerren? Angst, Wut und Trotz mischten sich und ließen sie seine Macht vergessen, von der sie bereits wusste, dass er sie zweifelsohne besaß. „Du kannst Menschen nicht einfach öffnen, nur weil dir ihre Antworten vorher nicht gefallen haben!“
Als Mammon anschließend glaubte, sie habe seine Erklärung über die Schuld missverstanden, schüttelte Hope kaum merklich den Kopf. „Ich weiß, dass es nicht um die Uhr geht. Sie erinnert mich nur daran.“ Ihr Blick fiel zu der Tasche auf dem Boden. Die Rolex darin war längst zum sichtbaren Zeichen einer Verpflichtung geworden, deren Inhalt allein Mammon bestimmen wollte. „Daran, dass ich hier eingedrungen bin. Und daran, dass du irgendwann entscheiden willst, was es kostet.“ Trotzdem hob sie den Blick wieder zu ihm, auch wenn die eben noch so deutliche Festigkeit bereits erste Risse zeigte. Seine Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob sie überhaupt bezahlen konnte, ließ ein Frösteln über ihre Haut laufen. Trotzdem hob sie den Blick mit einem unsicheren Schein wieder. „Ich weiß, dass es mein Problem ist. Und genau deshalb habe ich gefragt, was passiert, wenn ich meine Schuld nicht bezahlen kann.“ In ihrer Stimme lag, obwohl sie nach wie vor leise war, auch eine gewisse Festigkeit und auch die Klarheit darüber, dass sie mit allem rechnen musste – daran war sie immerhin schon gewöhnt.
Als er anschließend erneut behauptete, sie könne endlich einmal Spaß haben, entwich Hope ein erschöpftes Ausatmen. Erneut führte er das Gespräch dorthin zurück. Sie erklärte ihre Angst diesmal nicht erneut. Er wusste genug, und wenn er sie noch immer nicht verstand, fehlten nicht die richtigen Worte.
Stattdessen griff sie erneut nach dem Scotchglas, an dem sie bislang nur vorsichtig genippt hatte, und leerte es in einem Zug. Es brannte bei der ersten Berührung in ihrem Mund so sehr, dass Hope das Gefühl hatte, sie könnte im nächsten Moment wohlmöglich Feuer spucken. Doch der Alkohol brannte ihr nicht nur über die Zunge und die Kehle hinab, sondern setzte sich unter ihrem Brustbein fest, sodass ihr für einen Moment Tränen in die Augen stiegen. Dennoch setzte sie das Glas erst wieder ab, als es leer war. War es der reine Trotz darüber, dass er sie nicht verstehen wollte? Jedenfalls war sie hier oben für andere eine weniger große Gefahr, als unten in der Menschenmenge. Schlussendlich hatte er aus ihr sowieso Dinge herausbekommen, die sie zuvor noch abgrundtief in sich vergraben gewusst hatte. Ihre Miene blieb dabei beinahe unbewegt, doch aus ihrem Blick sprach unverhohlene Abscheu.
Erst als Mammon von der Musik in der Hölle erzählte, löste sich etwas von der Härte aus Hopes Haltung. Dass sie dort als Folterinstrument verwendet wurde, überraschte sie kaum, wohl aber, dass er selbst beim Klavierspiel zuerst von Wirkung, Geld und Macht sprach. Bei seiner Behauptung, niemand könne so gut spielen wie er, erschien für einen flüchtigen Moment ein kleines, erschöpftes Lächeln auf ihren Lippen. „Du hast mir erklärt, wofür du Musik nutzt“, stellte sie fest. „Warum die Menschen wiederkommen und dir ihr Geld geben. Aber nicht, warum du selbst spielst.“ Ihr Blick glitt zu den Tasten und wieder zu ihm. Die Frage war diesmal ihre eigene. Niemand zog sie aus ihr heraus. Hope atmete langsam ein und erlaubte sich einen kleinen Wunsch. Immerhin hatte er gerade einen Blick auf ihre entblößte Seele erzwungen. Nun wollte sie wenigstens etwas von ihm sehen, das nicht für seine Gäste, sein Geld oder seine Macht bestimmt war Da war er wieder, der Trotz, der nicht Lamia, sondern Hope zuzuschreiben war. „Dann spiel mir etwas vor.“ Sie zögerte kurz. „Aber nicht das, womit du deine Gäste fesselst. Etwas, das du spielst, wenn niemand zuhört.“ War das gerade eine Frage zur Ablenkung von ihr selbst, oder spielte sie gerade bewusst mit dem Feuer? Der Scotch begann sich bereits warm in ihr auszubreiten. Vielleicht war es noch keine Hingabe an ihre Begierden, aber zum ersten Mal hatte Hope sich selbst erlaubt, einer von ihnen einen kleinen Schritt entgegenzugehen.

