27.07.2026, 13:16
Hopes Blick folgte Mammons erhobenem Zeigefinger, der ihre Worte ebenso beiläufig zurechtwies, wie er zuvor alles abgetan hatte, was für sie mit Schuld und Verantwortung verbunden war. Sie verstand durchaus, welchen Unterschied er machte: Er behauptete nicht, dass Freude jede Folge rechtfertigte, sondern lediglich, dass sie sich ebenso gut nehmen konnte, was sie wollte, wenn das Chaos am Ende ohnehin über sie hereinbrach.
Doch gerade darin lag für Hope noch immer etwas, das er offenbar nicht begreifen konnte. „Nein“, widersprach sie leise, während ihre Stimme nach dem fremdartigen Ausbruch noch immer rau klang. „Es kommt nicht auf das Gleiche hinaus. Nicht für mich.“ Ihre Unterlippe zitterte weiterhin, trotzdem zwang sie sich, den Gedanken auszusprechen, an dem sie sich beinahe verzweifelt festhielt. „Solange ich noch selbst entscheide, was ich tue, hat sie nicht alles von mir.“ Vielleicht waren die Konsequenzen von außen betrachtet dieselben, doch wenn Hope begann, sich allein deshalb jeder Begierde hinzugeben, weil Lamia später ohnehin zerstören könnte, was von ihrer Vernunft übrigblieb, würde sie ihrer Dämonin freiwillig noch mehr Raum überlassen.
Mammons Grinsen angesichts ihrer veränderten Stimme ließ sie jedoch erneut unsicher werden. Sie senkte den Blick, als könnte sie dort eine Erklärung finden, und horchte für einen Moment angestrengt in sich hinein, beinahe darauf wartend, Lamias höhnisches Lachen zu hören. Doch es blieb still. „Nein, ich glaube… das… das war ich“, brachte sie stockend hervor. Die Erkenntnis machte sie nicht stärker; sie ließ ihr vielmehr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Sie hat nicht gesprochen. Es hat sich auch nicht so angefühlt, als hätte sie versucht, herauszukommen.“ Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie Mühe hatte, selbst zu verstehen, was geschehen war. „Es war meine Stimme. Nur… nicht so, wie ich sie kenne.“
Vielleicht war Lamias Kraft nicht mehr so klar von ihr getrennt, wie Hope es all die Jahre hatte glauben wollen. Vielleicht gab es etwas Dämonisches in ihr, das nicht ausschließlich der Gefangenen in ihrem Körper gehörte, sondern ebenso zu ihr selbst geworden war. Dieser Gedanke machte ihr beinahe mehr Angst als eine weitere Übernahme.
Als Mammon anschließend ihre Wünsche nach Nähe und Zugehörigkeit nahezu gelangweilt überging und erst bei ihrer Rache sichtbar auflebte, sank Hopes Blick erneut. Sein breites Grinsen machte aus dem Geständnis, das ihr selbst noch immer schmerzhaft in der Kehle lag, etwas Unterhaltsames. Böse Wünsche. Sofort regte sich der alte, vertraute Reflex in ihr.
„Das war Lamia“, begann sie hastig, doch die Behauptung verlor bereits während des Sprechens an Kraft. Sie erinnerte sich an die Schritte auf den Fluren, an die Schlüssel und an die Gesichter jener Menschen, die gewusst hatten, dass ihr niemand glauben würde. Der Wunsch, sie ebenso hilflos zu sehen, hatte sich nicht wie Lamias fremde Stimme angefühlt. Er hatte aus einer Wunde gesprochen, die ausschließlich Hope gehörte.
„Nein…“ Ihre Schultern sanken ein wenig herab, als müsste sie unter der Erkenntnis körperlich nachgeben. „Ich glaube, dieser Wunsch war meiner. Vielleicht nicht alles daran, vielleicht hat sie ihn größer gemacht, aber… er… er war schon vorher da.“ Sie konnte Mammon dabei kaum ansehen. Dass etwas so Dunkles tatsächlich aus ihr selbst gekommen war, erschreckte sie weiterhin, und sein erfreutes Interesse machte es nur schlimmer.
Erst nach einigen Sekunden hob sie den Blick wieder, verletzt und verunsichert, ohne jede triumphierende Schärfe. „Du hast aber nur den Teil interessant gefunden, der dir ähnlich ist.“ Es klang schon irgendwie anklagend, doch sie konnte es in dem Moment nicht verhindern. Dass sie nicht allein bleiben wollte, dass sie sich nach einer Berührung sehnte, bei der sie nicht zusammenzucken musste, hatte ihn gelangweilt. Erst als sie vom Leiden anderer gesprochen hatte, war sie in seinen Augen spannend geworden.
Seine Antwort auf ihr Nein löschte den letzten Rest ihrer aufkeimenden Gegenwehr beinahe augenblicklich aus. Hope wurde vollkommen still, als Mammon ihr mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der niemals gelernt hatte, eine Grenze als solche anzuerkennen, erklärte, er dürfe mit ihr tun, was ihm beliebte.
Die Erwähnung seiner Kellermeisterin und das Wort Folter ließen ihren Körper unmerklich zusammensinken. Hübsches Ding. Ihre Finger schlossen sich um ihre eigenen Oberarme, während sich Mammons Stimme für einen Moment mit anderen Stimmen vermischte, die längst vergangen sein sollten. Wenn sie endlich zugab, dass die Geister nicht existierten, würde es ihr besser gehen. Wenn sie sagte, was die Ärzte hören wollten, galt sie vielleicht als gesund. Wenn sie aufhörte, sich zu wehren, mussten die Pfleger nicht härter zugreifen. Gehorsam war damals stets als Behandlung bezeichnet worden, und Bestrafung als etwas, das sie durch ihr Verhalten selbst verursacht hatte.
Hopes Blick glitt an Mammon vorbei zur Fahrstuhltür. Zum ersten Mal maß sie bewusst die Entfernung dorthin ab, obwohl sie wusste, dass wenige Schritte angesichts seiner Geschwindigkeit vermutlich nichts bedeuteten. „Du verlangst keine Bezahlung“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war sehr leise geworden, beinahe tonlos, und die Bitterkeit darin wirkte älter als sie selbst. „Du verlangst Gehorsam.“ Sie schluckte und sah ihn nur kurz wieder an. „Sie haben es damals bloß anders genannt.“ Mammon stellte sie vor dieselbe Wahl, nur in einer grausameren und ehrlicheren Form: Gehorsam oder Bestrafung. Ihr Nein hatte in diesen Räumen offenbar ebenso wenig Bedeutung wie damals hinter einer verschlossenen Zellentür.
Als Mammon schließlich an ihr vorbeiging und sich auf den Klavierhocker setzte, erkannte Hope nicht sofort eine Gelegenheit. Sie hatte aufrichtig darum gebeten, etwas Persönliches von ihm zu hören, doch erst als er ihr den Rücken teilweise zuwandte und seine Hände auf die Tasten legte, wanderte ihr Blick erneut zum Fahrstuhl. Langsam beugte sie sich nach ihrer Tasche, hob sie auf und zog den Riemen über ihre Schulter. Der Scotch breitete sich inzwischen warm in ihrem Körper aus und verlieh ihren Bewegungen eine kaum merkliche Unsicherheit, trotzdem, oder gerade deshalb, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Sie wusste, dass Mammon sie bemerkte. Jemand wie er verlor seine Umgebung vermutlich nicht aus den Augen, nur weil er spielte, und er musste nicht einmal sofort reagieren. Er wusste ebenso gut wie sie, dass er sie mühelos erreichen konnte, bevor sich die Fahrstuhltüren auch nur vollständig geöffnet hätten. Trotzdem ging Hope weiter, langsam genug, dass es nicht wie eine kopflose Flucht wirkte, und schnell genug, um wenigstens ein wenig Abstand zu ihm zu gewinnen.
Die ersten Zeilen hielten sie nicht auf. Fremde Namen, kurze Nächte und Menschen, die vor ihm fielen, passten zu jenem Mammon, den er ihr bisher gezeigt hatte. Doch während seine Finger mit einer Leichtigkeit über die Tasten glitten, die nichts mit der Berechnung seiner sonstigen Bewegungen gemein hatte, veränderte sich etwas in seiner Stimme.
Hope wurde langsamer, als er von einem Gefühl sang, das er trotz all seiner Erfahrung mit Lust und Versuchung nicht benennen konnte. Ihr nächster Schritt blieb daraufhin beinahe in der Luft hängen. Eine bestimmte Person hatte offenbar etwas in ihm verschoben, ebenso wie sich zuvor etwas in Hope selbst verschoben hatte.
Nach allem, was er sang, hatte Mammon sich bislang wohl für denjenigen gehalten, der andere zu Fall brachte – und wusste nun selbst nicht mehr, weshalb ausgerechnet er ins Wanken geriet. Waren Gefühle für ihn nicht wie Ketten und Schwäche etwas, das nur anderen widerfuhr? Die Musik widersprach allerdings jeder seiner Behauptungen. Als er davon sang, dass Macht plötzlich bedeutungslos erschien und er nach etwas suchte, das er niemals zuvor gewollt hatte, blieb Hope schließlich stehen. Nur noch wenige Schritte trennten sie vom Fahrstuhl.
Sie sah nicht mehr zur Tür, sondern zu Mammon. Das Lied war keine Darbietung für Gäste, keine Methode, sie gefügiger zu machen oder ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Er sprach durch die Musik etwas aus, für das ihm außerhalb der Musik offenbar selbst die Worte fehlten. Hope wusste nicht, wer ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, und sie wagte nicht, dieses namenlose Gefühl vorschnell als Liebe zu bezeichnen. Doch sie begriff nun, dass sein Klavierspiel mehr war als ein Werkzeug. Für Hope klang es, als spielte er, weil er etwas in sich trug, das selbst ein Prinz der Hölle nicht vollständig beherrschen konnte.
Als die letzten Töne verklangen, hatte Hope die Hand bereits halb zum Knopf des Fahrstuhls erhoben. Für einen Moment blieb sie vollkommen reglos. Mammon sah schließlich zu ihr, und aus der Entfernung fiel es ihr etwas leichter, seinem Blick standzuhalten. Sie glaubte nun etwas über ihn zu wissen, das er ihr in einem Gespräch vermutlich niemals freiwillig offenbart hätte. Anders als er verspürte sie jedoch nicht den Wunsch, tiefer zu graben, bis von seiner Grenze nichts mehr übrigblieb. „Ich werde dich nicht fragen, für… wen das war“, sagte sie leise, während ihr Blick noch einen Augenblick auf ihm ruhte. „Aber… jetzt weiß ich, warum du… spielst.“ Sie wandte sich noch nicht von Mammon ab. Seine Drohung war durch das Lied nicht verschwunden, ebenso wenig wie ihre Angst vor dem, was er tun konnte. Und doch wusste sie plötzlich nicht mehr, ob sie gerade überhaupt gehen wollte, nachdem der Prinz der Hölle ihr etwas offenbart hatte, von dem sie niemals gedacht hätte, dass es sich in ihm befand: Verletzlichkeit.
Doch gerade darin lag für Hope noch immer etwas, das er offenbar nicht begreifen konnte. „Nein“, widersprach sie leise, während ihre Stimme nach dem fremdartigen Ausbruch noch immer rau klang. „Es kommt nicht auf das Gleiche hinaus. Nicht für mich.“ Ihre Unterlippe zitterte weiterhin, trotzdem zwang sie sich, den Gedanken auszusprechen, an dem sie sich beinahe verzweifelt festhielt. „Solange ich noch selbst entscheide, was ich tue, hat sie nicht alles von mir.“ Vielleicht waren die Konsequenzen von außen betrachtet dieselben, doch wenn Hope begann, sich allein deshalb jeder Begierde hinzugeben, weil Lamia später ohnehin zerstören könnte, was von ihrer Vernunft übrigblieb, würde sie ihrer Dämonin freiwillig noch mehr Raum überlassen.
Mammons Grinsen angesichts ihrer veränderten Stimme ließ sie jedoch erneut unsicher werden. Sie senkte den Blick, als könnte sie dort eine Erklärung finden, und horchte für einen Moment angestrengt in sich hinein, beinahe darauf wartend, Lamias höhnisches Lachen zu hören. Doch es blieb still. „Nein, ich glaube… das… das war ich“, brachte sie stockend hervor. Die Erkenntnis machte sie nicht stärker; sie ließ ihr vielmehr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Sie hat nicht gesprochen. Es hat sich auch nicht so angefühlt, als hätte sie versucht, herauszukommen.“ Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie Mühe hatte, selbst zu verstehen, was geschehen war. „Es war meine Stimme. Nur… nicht so, wie ich sie kenne.“
Vielleicht war Lamias Kraft nicht mehr so klar von ihr getrennt, wie Hope es all die Jahre hatte glauben wollen. Vielleicht gab es etwas Dämonisches in ihr, das nicht ausschließlich der Gefangenen in ihrem Körper gehörte, sondern ebenso zu ihr selbst geworden war. Dieser Gedanke machte ihr beinahe mehr Angst als eine weitere Übernahme.
Als Mammon anschließend ihre Wünsche nach Nähe und Zugehörigkeit nahezu gelangweilt überging und erst bei ihrer Rache sichtbar auflebte, sank Hopes Blick erneut. Sein breites Grinsen machte aus dem Geständnis, das ihr selbst noch immer schmerzhaft in der Kehle lag, etwas Unterhaltsames. Böse Wünsche. Sofort regte sich der alte, vertraute Reflex in ihr.
„Das war Lamia“, begann sie hastig, doch die Behauptung verlor bereits während des Sprechens an Kraft. Sie erinnerte sich an die Schritte auf den Fluren, an die Schlüssel und an die Gesichter jener Menschen, die gewusst hatten, dass ihr niemand glauben würde. Der Wunsch, sie ebenso hilflos zu sehen, hatte sich nicht wie Lamias fremde Stimme angefühlt. Er hatte aus einer Wunde gesprochen, die ausschließlich Hope gehörte.
„Nein…“ Ihre Schultern sanken ein wenig herab, als müsste sie unter der Erkenntnis körperlich nachgeben. „Ich glaube, dieser Wunsch war meiner. Vielleicht nicht alles daran, vielleicht hat sie ihn größer gemacht, aber… er… er war schon vorher da.“ Sie konnte Mammon dabei kaum ansehen. Dass etwas so Dunkles tatsächlich aus ihr selbst gekommen war, erschreckte sie weiterhin, und sein erfreutes Interesse machte es nur schlimmer.
Erst nach einigen Sekunden hob sie den Blick wieder, verletzt und verunsichert, ohne jede triumphierende Schärfe. „Du hast aber nur den Teil interessant gefunden, der dir ähnlich ist.“ Es klang schon irgendwie anklagend, doch sie konnte es in dem Moment nicht verhindern. Dass sie nicht allein bleiben wollte, dass sie sich nach einer Berührung sehnte, bei der sie nicht zusammenzucken musste, hatte ihn gelangweilt. Erst als sie vom Leiden anderer gesprochen hatte, war sie in seinen Augen spannend geworden.
Seine Antwort auf ihr Nein löschte den letzten Rest ihrer aufkeimenden Gegenwehr beinahe augenblicklich aus. Hope wurde vollkommen still, als Mammon ihr mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der niemals gelernt hatte, eine Grenze als solche anzuerkennen, erklärte, er dürfe mit ihr tun, was ihm beliebte.
Die Erwähnung seiner Kellermeisterin und das Wort Folter ließen ihren Körper unmerklich zusammensinken. Hübsches Ding. Ihre Finger schlossen sich um ihre eigenen Oberarme, während sich Mammons Stimme für einen Moment mit anderen Stimmen vermischte, die längst vergangen sein sollten. Wenn sie endlich zugab, dass die Geister nicht existierten, würde es ihr besser gehen. Wenn sie sagte, was die Ärzte hören wollten, galt sie vielleicht als gesund. Wenn sie aufhörte, sich zu wehren, mussten die Pfleger nicht härter zugreifen. Gehorsam war damals stets als Behandlung bezeichnet worden, und Bestrafung als etwas, das sie durch ihr Verhalten selbst verursacht hatte.
Hopes Blick glitt an Mammon vorbei zur Fahrstuhltür. Zum ersten Mal maß sie bewusst die Entfernung dorthin ab, obwohl sie wusste, dass wenige Schritte angesichts seiner Geschwindigkeit vermutlich nichts bedeuteten. „Du verlangst keine Bezahlung“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war sehr leise geworden, beinahe tonlos, und die Bitterkeit darin wirkte älter als sie selbst. „Du verlangst Gehorsam.“ Sie schluckte und sah ihn nur kurz wieder an. „Sie haben es damals bloß anders genannt.“ Mammon stellte sie vor dieselbe Wahl, nur in einer grausameren und ehrlicheren Form: Gehorsam oder Bestrafung. Ihr Nein hatte in diesen Räumen offenbar ebenso wenig Bedeutung wie damals hinter einer verschlossenen Zellentür.
Als Mammon schließlich an ihr vorbeiging und sich auf den Klavierhocker setzte, erkannte Hope nicht sofort eine Gelegenheit. Sie hatte aufrichtig darum gebeten, etwas Persönliches von ihm zu hören, doch erst als er ihr den Rücken teilweise zuwandte und seine Hände auf die Tasten legte, wanderte ihr Blick erneut zum Fahrstuhl. Langsam beugte sie sich nach ihrer Tasche, hob sie auf und zog den Riemen über ihre Schulter. Der Scotch breitete sich inzwischen warm in ihrem Körper aus und verlieh ihren Bewegungen eine kaum merkliche Unsicherheit, trotzdem, oder gerade deshalb, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Sie wusste, dass Mammon sie bemerkte. Jemand wie er verlor seine Umgebung vermutlich nicht aus den Augen, nur weil er spielte, und er musste nicht einmal sofort reagieren. Er wusste ebenso gut wie sie, dass er sie mühelos erreichen konnte, bevor sich die Fahrstuhltüren auch nur vollständig geöffnet hätten. Trotzdem ging Hope weiter, langsam genug, dass es nicht wie eine kopflose Flucht wirkte, und schnell genug, um wenigstens ein wenig Abstand zu ihm zu gewinnen.
Die ersten Zeilen hielten sie nicht auf. Fremde Namen, kurze Nächte und Menschen, die vor ihm fielen, passten zu jenem Mammon, den er ihr bisher gezeigt hatte. Doch während seine Finger mit einer Leichtigkeit über die Tasten glitten, die nichts mit der Berechnung seiner sonstigen Bewegungen gemein hatte, veränderte sich etwas in seiner Stimme.
Hope wurde langsamer, als er von einem Gefühl sang, das er trotz all seiner Erfahrung mit Lust und Versuchung nicht benennen konnte. Ihr nächster Schritt blieb daraufhin beinahe in der Luft hängen. Eine bestimmte Person hatte offenbar etwas in ihm verschoben, ebenso wie sich zuvor etwas in Hope selbst verschoben hatte.
Nach allem, was er sang, hatte Mammon sich bislang wohl für denjenigen gehalten, der andere zu Fall brachte – und wusste nun selbst nicht mehr, weshalb ausgerechnet er ins Wanken geriet. Waren Gefühle für ihn nicht wie Ketten und Schwäche etwas, das nur anderen widerfuhr? Die Musik widersprach allerdings jeder seiner Behauptungen. Als er davon sang, dass Macht plötzlich bedeutungslos erschien und er nach etwas suchte, das er niemals zuvor gewollt hatte, blieb Hope schließlich stehen. Nur noch wenige Schritte trennten sie vom Fahrstuhl.
Sie sah nicht mehr zur Tür, sondern zu Mammon. Das Lied war keine Darbietung für Gäste, keine Methode, sie gefügiger zu machen oder ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Er sprach durch die Musik etwas aus, für das ihm außerhalb der Musik offenbar selbst die Worte fehlten. Hope wusste nicht, wer ihn so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, und sie wagte nicht, dieses namenlose Gefühl vorschnell als Liebe zu bezeichnen. Doch sie begriff nun, dass sein Klavierspiel mehr war als ein Werkzeug. Für Hope klang es, als spielte er, weil er etwas in sich trug, das selbst ein Prinz der Hölle nicht vollständig beherrschen konnte.
Als die letzten Töne verklangen, hatte Hope die Hand bereits halb zum Knopf des Fahrstuhls erhoben. Für einen Moment blieb sie vollkommen reglos. Mammon sah schließlich zu ihr, und aus der Entfernung fiel es ihr etwas leichter, seinem Blick standzuhalten. Sie glaubte nun etwas über ihn zu wissen, das er ihr in einem Gespräch vermutlich niemals freiwillig offenbart hätte. Anders als er verspürte sie jedoch nicht den Wunsch, tiefer zu graben, bis von seiner Grenze nichts mehr übrigblieb. „Ich werde dich nicht fragen, für… wen das war“, sagte sie leise, während ihr Blick noch einen Augenblick auf ihm ruhte. „Aber… jetzt weiß ich, warum du… spielst.“ Sie wandte sich noch nicht von Mammon ab. Seine Drohung war durch das Lied nicht verschwunden, ebenso wenig wie ihre Angst vor dem, was er tun konnte. Und doch wusste sie plötzlich nicht mehr, ob sie gerade überhaupt gehen wollte, nachdem der Prinz der Hölle ihr etwas offenbart hatte, von dem sie niemals gedacht hätte, dass es sich in ihm befand: Verletzlichkeit.

