11.08.2026, 12:34
Mammons genervtes Stöhnen ließ Hope den Blick für einen Moment sinken. Für ihn schien ihre Unsicherheit tatsächlich vollkommen unverständlich zu sein, als gäbe es nur eine einzige vernünftige Reaktion auf etwas Unbekanntes: Herausfinden, was es war, und anschließend sehen, wozu man es benutzen konnte. Dass er ausgerechnet von Erlösung sprach, sorgte jedoch dafür, dass sich ihre Stirn leicht zusammenzog. Der Gedanke war ihr selbst bereits gekommen, auch wenn sie ihn sofort wieder hatte fortschieben wollen. Was, wenn diese fremdartige Kraft tatsächlich etwas war, das nicht gegen sie arbeitete? Was, wenn sie irgendwann lernen konnte, sie zu benutzen, ohne dabei Lamia das Feld zu überlassen? Zum ersten Mal hatte etwas Dämonisches durch ihren Körper gedrungen, ohne dass Hope selbst dahinter verschwunden war. Genau darin lag eine Möglichkeit, die sie ebenso wenig ignorieren konnte wie die Angst davor.
„Und wenn es mich nicht erlöst?“, fragte sie schließlich leise. Ihre Finger strichen nervös über den Riemen ihrer Tasche, während sie Mammon nur kurz ansah. „Wenn ich herausfinde, dass ich ihr ähnlicher bin, als ich mein ganzes Leben lang geglaubt habe?“ Der Gedanke legte sich kalt in ihren Magen. Vielleicht würde sie etwas entdecken, womit sie Lamia endlich etwas entgegensetzen konnte. Vielleicht würde sie aber ebenso feststellen, dass die Grenze, an die sie sich bisher geklammert hatte, niemals so eindeutig gewesen war.
Dass Mammon anschließend ausgerechnet das Wort wiederholte, das sie eben erst mit Mühe über die Lippen gebracht hatte, ließ die Hitze erneut in ihr Gesicht steigen. Hope zog die Schultern näher an den Körper, während ihre Finger sich unwillkürlich fester um ihr eigenes Handgelenk schlossen. Seine sichtbare Verwirrung machte es kaum besser. Für ihn schien körperliche Nähe tatsächlich beinahe zwangsläufig dort zu enden, wo Hope schon beim Gedanken daran die Luft flacher durch die Kehle zog.
„Ja“, antwortete sie zunächst viel zu schnell. „Ich habe nicht von Sex gesprochen.“ Allein die erneute Aussprache ließ ihren Blick zur Seite flüchten. Für einen kurzen, hässlichen Moment drängte sich Walter Kindels Nähe in ihre Erinnerung, Hände, die entschieden hatten, bevor sie selbst überhaupt hatte verstehen können, was geschah, und das Gefühl, den eigenen Körper nur noch von irgendwo weit entfernt wahrzunehmen.
Hope schluckte dagegen an und zwang sich zurück in den Fahrstuhlbereich des Penthouses, zu Mammon, zu dessen fragendem Gesicht. „Es kann doch… etwas anderes bedeuten.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein unsicheres Murmeln. „Dass jemand meine Hand hält. Oder mich umarmt. Dass jemand neben mir liegt, ohne…“ Sie stockte, weil schon die Formulierung ihre Kehle enger werden ließ. „…ohne irgendetwas von mir zu wollen.“
Ihre Augen hoben sich kurz zu ihm, um gleich wieder auszuweichen. „Nähe muss doch nicht immer bedeuten, dass jemand etwas mit meinem Körper machen will.“ Der Satz war ihr unangenehm genug, dass sie danach fast bereute, ihn ausgesprochen zu haben, doch zugleich lag darin etwas, das Mammon offenbar wirklich nicht verstand. Vielleicht konnte er Begehren und Berührung nicht voneinander trennen. Hope konnte es sehr wohl – gerade weil sie gelernt hatte, wie gewaltig der Unterschied zwischen einer Berührung war, die man wollte, und einer, der man nicht entkommen konnte.
Sein Angebot hinsichtlich ihrer Rache ließ all diese Gedanken jedoch für einen Moment in den Hintergrund treten. „W… w… was…?“ Ihr Kopf hob sich so plötzlich, dass einige dunkle Haarsträhnen aus ihrem Gesicht rutschten. Das Grinsen auf Mammons Lippen hätte Warnung genug sein sollen, doch die Vorstellung war bereits da, noch bevor Vernunft sie erreichen konnte. Ein Keller… Folterräume… Räume, aus denen Menschen nicht gehen konnten, wenn sie es wollten.
Hope wusste nur zu gut, wie sich allein diese Beschreibung anfühlte – und dennoch veränderte sich die Perspektive diesmal auf eine Art, die ihr selbst Angst machte. Nicht sie wäre hinter einer verschlossenen Tür. Nicht sie müsste auf das Geräusch eines Schlüssels warten. Einen flüchtigen Augenblick lang sah sie einen der Ärzte dort stehen und auch einen bestimmten Pfleger, und in ihrer Vorstellung befand sich der Schlüssel plötzlich in ihrer eigenen Hand.
„Wie?“, fragte sie leise, bevor sie sich bremsen konnte. Mammon beantwortete es so selbstverständlich, als würde er ihr anbieten, einen Raum für einen Abend zu mieten. Hopes Blick blieb an ihm hängen. „Du würdest mich… einfach machen lassen?“ Die Frage war kaum hörbar und enthielt etwas, das ihr unmittelbar danach selbst widerstrebte: Echtes Interesse. Sie merkte es, presste die Lippen zusammen und senkte den Blick wieder. Natürlich würde Mammon so etwas nicht aus Nächstenliebe anbieten. Er hatte gerade erst herausgefunden, was sie wirklich wollte, und bereits im nächsten Moment wusste er, womit er sie locken konnte. Genau darin lag vermutlich seine eigentliche Stärke. Er musste Menschen nicht immer zwingen. Manchmal genügte es, ihnen etwas anzubieten, das sie selbst unbedingt wollten… und sie verfluchte sich gerade selbst dafür.
Hope sah ihn einen Moment lang nur an, ehe ihre Mundwinkel ganz leicht zuckten. Nicht wirklich amüsiert, eher so, als hätte Mammons Vehemenz ihre Vermutung nur noch bestätigt. „Schon gut“, murmelte sie leise und hob kaum merklich die Schultern. „Dann ist es eben nur Spaß.“ Sie widersprach ihm nicht weiter. Gerade die Hartnäckigkeit, mit der er darauf bestand, ließ sie jedoch umso weniger daran glauben. Seinen Hinweis, sie solle ihren Glauben überdenken, beantwortete sie nur mit einem kurzen, ruhigen Blick. „Vielleicht“, sagte sie schließlich. „Aber vielleicht solltest du das auch.“
Sein erneuter Scherz über Sex löschte diesen kleinen Rest von Kühnheit allerdings rasch wieder aus ihrem Gesicht. Hope versteifte sich, noch bevor sich die Fahrstuhltüren öffneten. „Hör auf damit“, brachte sie leise hervor, während ihre Finger den Taschenriemen fester umschlossen. Mehr erklärte sie nicht. Sie hatte ihm bereits gesagt, dass sie nicht davon gesprochen hatte, und wollte ihm nicht noch einmal einen Bereich ihres Lebens offenlegen, in dem er lediglich mit einer weiteren neugierigen Frage herumstochern konnte. Als Mammon ihr mit ausgestreckter Hand den Vortritt ließ, zögerte sie dennoch einen Moment. Dann trat sie in den Fahrstuhl. Wenn sie hinunter in den Club gelangte, waren dort zumindest andere Menschen, mehrere Räume und vermutlich mehr als ein möglicher Ausgang. Hier oben dagegen gab es nur ihn und eine Tür, die erst auf seinen beziehungsweise ihren Wunsch reagierte.
Kaum folgte Mammon ihr in den Fahrstuhl, schien die Kabine einen guten Teil ihrer ohnehin überschaubaren Größe einzubüßen. Hope stellte sich instinktiv näher an eine der Wände und zog die Tasche etwas vor ihren Körper, während er sich neben ihr nach dem Knopf ausstreckte. Die Bewegung war vollkommen beiläufig, doch für einen kurzen Moment befand er sich nah genug, dass sie seine Körperwärme wahrnahm, den herben Geruch des Scotchs und etwas Eigenes darunter, das sie nicht benennen konnte. Ihr Atem geriet unwillkürlich flacher. Sie wich wenige Zentimeter zurück, bis ihr Rücken die kühle Wand berührte, während Mammon den Knopf drückte und sich wieder aufrichtete. Eigentlich hatte er sie nicht einmal berührt. Trotzdem war ihr plötzlich viel zu bewusst, wie wenig Raum zwischen ihnen lag.
Mit einem leisen Geräusch schlossen sich die Türen und schnitten den letzten Blick auf das Penthouse ab. Das gleichmäßige Summen des Fahrstuhls setzte ein, begleitet von jener kaum wahrnehmbaren Bewegung unter ihren Füßen, die verriet, dass sie sich bereits nach unten bewegten. Hope richtete den Blick auf die Etagenanzeige, als könnte sie sich daran festhalten, doch die Zahlen wechselten für ihr Empfinden viel zu langsam. Neben sich nahm sie Mammon beinahe überdeutlich wahr. Jede kleine Gewichtsverlagerung, das Rascheln seiner Kleidung, selbst seinen Atem, wenn die Kabine für einige Sekunden vollkommen still zu werden schien. Der Scotch begann noch immer warm in ihrem eigenen Körper zu arbeiten, und vielleicht war es genau das, was die Grenzen ihrer Wahrnehmung ein wenig unscharf machte. Sie wusste nur nicht, ob sie sich dadurch weniger oder noch viel stärker eingeengt fühlte.
Merkwürdigerweise war es nicht ausschließlich Angst, die sie davon abhielt, sich noch fester an die Wand zu drücken. Da war auch diese irritierende Aufmerksamkeit für seine Nähe, die Hope sofort wieder von sich weisen wollte. Mammon war gefährlich, arrogant und hatte ihr gerade erst bewiesen, wie wenig Bedeutung ihr Nein für ihn besitzen konnte. Trotzdem registrierte ihr Körper Dinge, um deren Wahrnehmung sie ihn niemals gebeten hatte: Dass sie den Kopf nur ein wenig drehen musste, um sein Gesicht sehen zu können; dass die wenigen Schritte Abstand aus dem Penthouse hier auf kaum mehr als eine Armlänge zusammengeschrumpft waren; dass selbst ein beiläufiges Drehen seinerseits diesen Abstand noch weiter verkleinern würde. Gerade weil körperliche Nähe für Hope normalerweise etwas war, dem sie auswich, fühlte sich diese erzwungene Bewusstheit beinahe unerträglich intensiv an.
Dann erklärte Mammon mit derselben selbstverständlichen Überzeugung, mit der er über Macht, Schuld und seine eigenen Fähigkeiten sprach, dass er natürlich Sex mit ihr haben würde, wenn er wollte.
Hope drehte den Kopf zu ihm. Für einige Sekunden sagte sie überhaupt nichts. Die Hitze schoss ihr unmittelbar ins Gesicht, während sich gleichzeitig eine feine Gänsehaut über ihre Arme zog. In der geschlossenen Kabine schien sein Satz keinen Ort zu haben, an den er verschwinden konnte; er blieb zwischen ihnen hängen, viel zu nah, beinahe greifbar. Ihr Blick streifte sein Gesicht und wich wieder zur Etagenanzeige aus, nur um Sekunden später erneut zu ihm zurückzukehren. Sie hätte Abstand schaffen wollen, doch hinter ihr befand sich bereits die Wand. Und obwohl Mammon sie nicht berührte, wurde ihr gerade deshalb umso deutlicher bewusst, dass nur wenig nötig wäre, um die verbleibende Distanz zwischen ihnen verschwinden zu lassen.
Es war jedoch weniger das Wort selbst, das ihr Herz schneller schlagen ließ, als die Art, wie er es gesagt hatte.
Wenn ich wollte. Nicht wenn sie beide wollten.
Nicht einmal die Möglichkeit, dass Hope vielleicht gar kein Interesse daran haben könnte, nur sein Wille, ausgesprochen mit jener selbstverständlichen Sicherheit eines Mannes, der offenbar selten darüber nachdenken musste, ob jemand ihm etwas verweigerte. Etwas in ihr zog sich ängstlich zusammen, gleichzeitig regte sich darunter jener kleine Rest Trotz, den Mammon an diesem Abend schon mehr als einmal hervorgelockt hatte. Hope schluckte. Ihre Stimme versagte beinahe beim ersten Versuch, und als sie schließlich sprach, war sie leise genug, dass das Summen des Fahrstuhls sie beinahe verschluckte.
„Spielt mein Wille dabei keine Rolle?“ Sie merkte erst nach dem Aussprechen, was noch in dieser Frage lag.
Denn es war nicht nur Angst, sondern auch die unausgesprochene Möglichkeit, dass sie ihn vielleicht gar nicht wollen würde. Für einen flüchtigen Moment weiteten sich Hopes Augen, als hätte sie selbst erst jetzt begriffen, welche unbeabsichtigte Herausforderung sie dem Prinzen der Hölle gerade inmitten dieser viel zu engen Kabine vor die Füße gelegt hatte. Doch um diese Worte zurücknehmen zu können war es nun unweigerlich zu spät.
„Und wenn es mich nicht erlöst?“, fragte sie schließlich leise. Ihre Finger strichen nervös über den Riemen ihrer Tasche, während sie Mammon nur kurz ansah. „Wenn ich herausfinde, dass ich ihr ähnlicher bin, als ich mein ganzes Leben lang geglaubt habe?“ Der Gedanke legte sich kalt in ihren Magen. Vielleicht würde sie etwas entdecken, womit sie Lamia endlich etwas entgegensetzen konnte. Vielleicht würde sie aber ebenso feststellen, dass die Grenze, an die sie sich bisher geklammert hatte, niemals so eindeutig gewesen war.
Dass Mammon anschließend ausgerechnet das Wort wiederholte, das sie eben erst mit Mühe über die Lippen gebracht hatte, ließ die Hitze erneut in ihr Gesicht steigen. Hope zog die Schultern näher an den Körper, während ihre Finger sich unwillkürlich fester um ihr eigenes Handgelenk schlossen. Seine sichtbare Verwirrung machte es kaum besser. Für ihn schien körperliche Nähe tatsächlich beinahe zwangsläufig dort zu enden, wo Hope schon beim Gedanken daran die Luft flacher durch die Kehle zog.
„Ja“, antwortete sie zunächst viel zu schnell. „Ich habe nicht von Sex gesprochen.“ Allein die erneute Aussprache ließ ihren Blick zur Seite flüchten. Für einen kurzen, hässlichen Moment drängte sich Walter Kindels Nähe in ihre Erinnerung, Hände, die entschieden hatten, bevor sie selbst überhaupt hatte verstehen können, was geschah, und das Gefühl, den eigenen Körper nur noch von irgendwo weit entfernt wahrzunehmen.
Hope schluckte dagegen an und zwang sich zurück in den Fahrstuhlbereich des Penthouses, zu Mammon, zu dessen fragendem Gesicht. „Es kann doch… etwas anderes bedeuten.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein unsicheres Murmeln. „Dass jemand meine Hand hält. Oder mich umarmt. Dass jemand neben mir liegt, ohne…“ Sie stockte, weil schon die Formulierung ihre Kehle enger werden ließ. „…ohne irgendetwas von mir zu wollen.“
Ihre Augen hoben sich kurz zu ihm, um gleich wieder auszuweichen. „Nähe muss doch nicht immer bedeuten, dass jemand etwas mit meinem Körper machen will.“ Der Satz war ihr unangenehm genug, dass sie danach fast bereute, ihn ausgesprochen zu haben, doch zugleich lag darin etwas, das Mammon offenbar wirklich nicht verstand. Vielleicht konnte er Begehren und Berührung nicht voneinander trennen. Hope konnte es sehr wohl – gerade weil sie gelernt hatte, wie gewaltig der Unterschied zwischen einer Berührung war, die man wollte, und einer, der man nicht entkommen konnte.
Sein Angebot hinsichtlich ihrer Rache ließ all diese Gedanken jedoch für einen Moment in den Hintergrund treten. „W… w… was…?“ Ihr Kopf hob sich so plötzlich, dass einige dunkle Haarsträhnen aus ihrem Gesicht rutschten. Das Grinsen auf Mammons Lippen hätte Warnung genug sein sollen, doch die Vorstellung war bereits da, noch bevor Vernunft sie erreichen konnte. Ein Keller… Folterräume… Räume, aus denen Menschen nicht gehen konnten, wenn sie es wollten.
Hope wusste nur zu gut, wie sich allein diese Beschreibung anfühlte – und dennoch veränderte sich die Perspektive diesmal auf eine Art, die ihr selbst Angst machte. Nicht sie wäre hinter einer verschlossenen Tür. Nicht sie müsste auf das Geräusch eines Schlüssels warten. Einen flüchtigen Augenblick lang sah sie einen der Ärzte dort stehen und auch einen bestimmten Pfleger, und in ihrer Vorstellung befand sich der Schlüssel plötzlich in ihrer eigenen Hand.
„Wie?“, fragte sie leise, bevor sie sich bremsen konnte. Mammon beantwortete es so selbstverständlich, als würde er ihr anbieten, einen Raum für einen Abend zu mieten. Hopes Blick blieb an ihm hängen. „Du würdest mich… einfach machen lassen?“ Die Frage war kaum hörbar und enthielt etwas, das ihr unmittelbar danach selbst widerstrebte: Echtes Interesse. Sie merkte es, presste die Lippen zusammen und senkte den Blick wieder. Natürlich würde Mammon so etwas nicht aus Nächstenliebe anbieten. Er hatte gerade erst herausgefunden, was sie wirklich wollte, und bereits im nächsten Moment wusste er, womit er sie locken konnte. Genau darin lag vermutlich seine eigentliche Stärke. Er musste Menschen nicht immer zwingen. Manchmal genügte es, ihnen etwas anzubieten, das sie selbst unbedingt wollten… und sie verfluchte sich gerade selbst dafür.
Hope sah ihn einen Moment lang nur an, ehe ihre Mundwinkel ganz leicht zuckten. Nicht wirklich amüsiert, eher so, als hätte Mammons Vehemenz ihre Vermutung nur noch bestätigt. „Schon gut“, murmelte sie leise und hob kaum merklich die Schultern. „Dann ist es eben nur Spaß.“ Sie widersprach ihm nicht weiter. Gerade die Hartnäckigkeit, mit der er darauf bestand, ließ sie jedoch umso weniger daran glauben. Seinen Hinweis, sie solle ihren Glauben überdenken, beantwortete sie nur mit einem kurzen, ruhigen Blick. „Vielleicht“, sagte sie schließlich. „Aber vielleicht solltest du das auch.“
Sein erneuter Scherz über Sex löschte diesen kleinen Rest von Kühnheit allerdings rasch wieder aus ihrem Gesicht. Hope versteifte sich, noch bevor sich die Fahrstuhltüren öffneten. „Hör auf damit“, brachte sie leise hervor, während ihre Finger den Taschenriemen fester umschlossen. Mehr erklärte sie nicht. Sie hatte ihm bereits gesagt, dass sie nicht davon gesprochen hatte, und wollte ihm nicht noch einmal einen Bereich ihres Lebens offenlegen, in dem er lediglich mit einer weiteren neugierigen Frage herumstochern konnte. Als Mammon ihr mit ausgestreckter Hand den Vortritt ließ, zögerte sie dennoch einen Moment. Dann trat sie in den Fahrstuhl. Wenn sie hinunter in den Club gelangte, waren dort zumindest andere Menschen, mehrere Räume und vermutlich mehr als ein möglicher Ausgang. Hier oben dagegen gab es nur ihn und eine Tür, die erst auf seinen beziehungsweise ihren Wunsch reagierte.
Kaum folgte Mammon ihr in den Fahrstuhl, schien die Kabine einen guten Teil ihrer ohnehin überschaubaren Größe einzubüßen. Hope stellte sich instinktiv näher an eine der Wände und zog die Tasche etwas vor ihren Körper, während er sich neben ihr nach dem Knopf ausstreckte. Die Bewegung war vollkommen beiläufig, doch für einen kurzen Moment befand er sich nah genug, dass sie seine Körperwärme wahrnahm, den herben Geruch des Scotchs und etwas Eigenes darunter, das sie nicht benennen konnte. Ihr Atem geriet unwillkürlich flacher. Sie wich wenige Zentimeter zurück, bis ihr Rücken die kühle Wand berührte, während Mammon den Knopf drückte und sich wieder aufrichtete. Eigentlich hatte er sie nicht einmal berührt. Trotzdem war ihr plötzlich viel zu bewusst, wie wenig Raum zwischen ihnen lag.
Mit einem leisen Geräusch schlossen sich die Türen und schnitten den letzten Blick auf das Penthouse ab. Das gleichmäßige Summen des Fahrstuhls setzte ein, begleitet von jener kaum wahrnehmbaren Bewegung unter ihren Füßen, die verriet, dass sie sich bereits nach unten bewegten. Hope richtete den Blick auf die Etagenanzeige, als könnte sie sich daran festhalten, doch die Zahlen wechselten für ihr Empfinden viel zu langsam. Neben sich nahm sie Mammon beinahe überdeutlich wahr. Jede kleine Gewichtsverlagerung, das Rascheln seiner Kleidung, selbst seinen Atem, wenn die Kabine für einige Sekunden vollkommen still zu werden schien. Der Scotch begann noch immer warm in ihrem eigenen Körper zu arbeiten, und vielleicht war es genau das, was die Grenzen ihrer Wahrnehmung ein wenig unscharf machte. Sie wusste nur nicht, ob sie sich dadurch weniger oder noch viel stärker eingeengt fühlte.
Merkwürdigerweise war es nicht ausschließlich Angst, die sie davon abhielt, sich noch fester an die Wand zu drücken. Da war auch diese irritierende Aufmerksamkeit für seine Nähe, die Hope sofort wieder von sich weisen wollte. Mammon war gefährlich, arrogant und hatte ihr gerade erst bewiesen, wie wenig Bedeutung ihr Nein für ihn besitzen konnte. Trotzdem registrierte ihr Körper Dinge, um deren Wahrnehmung sie ihn niemals gebeten hatte: Dass sie den Kopf nur ein wenig drehen musste, um sein Gesicht sehen zu können; dass die wenigen Schritte Abstand aus dem Penthouse hier auf kaum mehr als eine Armlänge zusammengeschrumpft waren; dass selbst ein beiläufiges Drehen seinerseits diesen Abstand noch weiter verkleinern würde. Gerade weil körperliche Nähe für Hope normalerweise etwas war, dem sie auswich, fühlte sich diese erzwungene Bewusstheit beinahe unerträglich intensiv an.
Dann erklärte Mammon mit derselben selbstverständlichen Überzeugung, mit der er über Macht, Schuld und seine eigenen Fähigkeiten sprach, dass er natürlich Sex mit ihr haben würde, wenn er wollte.
Hope drehte den Kopf zu ihm. Für einige Sekunden sagte sie überhaupt nichts. Die Hitze schoss ihr unmittelbar ins Gesicht, während sich gleichzeitig eine feine Gänsehaut über ihre Arme zog. In der geschlossenen Kabine schien sein Satz keinen Ort zu haben, an den er verschwinden konnte; er blieb zwischen ihnen hängen, viel zu nah, beinahe greifbar. Ihr Blick streifte sein Gesicht und wich wieder zur Etagenanzeige aus, nur um Sekunden später erneut zu ihm zurückzukehren. Sie hätte Abstand schaffen wollen, doch hinter ihr befand sich bereits die Wand. Und obwohl Mammon sie nicht berührte, wurde ihr gerade deshalb umso deutlicher bewusst, dass nur wenig nötig wäre, um die verbleibende Distanz zwischen ihnen verschwinden zu lassen.
Es war jedoch weniger das Wort selbst, das ihr Herz schneller schlagen ließ, als die Art, wie er es gesagt hatte.
Wenn ich wollte. Nicht wenn sie beide wollten.
Nicht einmal die Möglichkeit, dass Hope vielleicht gar kein Interesse daran haben könnte, nur sein Wille, ausgesprochen mit jener selbstverständlichen Sicherheit eines Mannes, der offenbar selten darüber nachdenken musste, ob jemand ihm etwas verweigerte. Etwas in ihr zog sich ängstlich zusammen, gleichzeitig regte sich darunter jener kleine Rest Trotz, den Mammon an diesem Abend schon mehr als einmal hervorgelockt hatte. Hope schluckte. Ihre Stimme versagte beinahe beim ersten Versuch, und als sie schließlich sprach, war sie leise genug, dass das Summen des Fahrstuhls sie beinahe verschluckte.
„Spielt mein Wille dabei keine Rolle?“ Sie merkte erst nach dem Aussprechen, was noch in dieser Frage lag.
Denn es war nicht nur Angst, sondern auch die unausgesprochene Möglichkeit, dass sie ihn vielleicht gar nicht wollen würde. Für einen flüchtigen Moment weiteten sich Hopes Augen, als hätte sie selbst erst jetzt begriffen, welche unbeabsichtigte Herausforderung sie dem Prinzen der Hölle gerade inmitten dieser viel zu engen Kabine vor die Füße gelegt hatte. Doch um diese Worte zurücknehmen zu können war es nun unweigerlich zu spät.

