12.08.2026, 10:20
Dass Mammon ihre Erklärung offenbar tatsächlich nicht als Ausrede oder verschämte Umschreibung betrachtete, sondern schlicht nicht verstand, weshalb zwischen Anziehung und Sex überhaupt noch etwas anderes liegen sollte, ließ Hope ihn für einen Moment schweigend ansehen. Die Antwort, die ihr zunächst auf der Zunge gelegen hatte, sprach sie nicht aus. Stattdessen senkte sie den Blick ein wenig und zog die Lippen kurz aufeinander, als würde sie nach einer weiteren Erklärung suchen, ehe sie den Gedanken wieder verwarf.
Sie hatte ihm gesagt, was sie meinte. Mehr konnte sie vermutlich ohnehin nicht tun, wenn es in Mammons Vorstellung diesen Zwischenraum schlicht nicht gab. Vielleicht war es für jemanden, der so aufgewachsen war wie er, tatsächlich selbstverständlich, einen Menschen zu begehren und daraus unmittelbar das Recht abzuleiten, diesem Begehren nachzugehen. Für Hope fühlte sich allein diese Vorstellung fremd genug an, dass sie sie nicht weiter auseinandernehmen wollte. Ein kaum hörbares „Hm“ war schließlich alles, was sie darauf erwiderte, mehr ein Eingeständnis, dass sie seine Sicht gehört hatte, als Zustimmung dazu.
Sehr viel schwerer ließ sich dagegen ignorieren, was Mammon unmittelbar danach aus ihrem Wunsch nach Rache machte. Noch vor wenigen Minuten hatte dieser Wunsch hauptsächlich aus Erinnerungen bestanden, aus Gesichtern, Stimmen und dem dumpfen Wissen darum, dass irgendwo Menschen lebten, die ihr Dinge angetan hatten und vermutlich längst wieder schliefen, aßen, arbeiteten und ihren Alltag führten, während Hope selbst manches davon bis heute mit sich herumtrug.
Mammons Worte gaben diesem Wunsch nun plötzlich einen Raum, Wände, eine verschlossene Tür und Instrumente, deren Zweck keinerlei Interpretationsspielraum ließ. Ihre Finger wurden wieder unruhiger am Riemen der Tasche, doch ihr Blick blieb dieses Mal an ihm hängen.
„Ich… ich weiß nicht, was ich tun würde“, brachte sie schließlich hervor. Die Worte waren leiser geworden, je länger sie darüber nachdachte. In ihrem Kopf stand für einen Moment tatsächlich einer der Ärzte vor ihr, nicht in einem weißen Kittel und nicht mit jener selbstverständlichen Autorität, mit der er früher entschieden hatte, was für sie richtig war, sondern dort unten in einem Raum, aus dem er nicht einfach hinausgehen konnte. Danach ein Pfleger. Einer von denen, die Schlüssel besessen hatten und ihn immer wieder provokativ vor ihrer Nase hatte tanzen lassen – ausschließlich zur Machtdemonstration. Diesmal wäre sie diejenige mit dem Schlüssel. Die Vorstellung löste einen so widersprüchlichen Zug in ihrem Inneren aus, dass Hope kaum wusste, welcher Teil davon sie mehr erschreckte.
„Vielleicht würde ich gar nichts tun können, wenn wirklich jemand vor mir steht“, fuhr sie nach einer Weile stockend fort und senkte kurz den Blick. „Oder vielleicht…“ Sie verstummte, weil die zweite Möglichkeit viel schwieriger auszusprechen war. Ihre Finger verharrten plötzlich. „Vielleicht würde ich nicht wissen, wann ich aufhören muss.“ Kaum waren die Worte heraus, hob Hope den Blick wieder zu Mammon, als hätte sie selbst von jemand anderem gesprochen. Lamia war immer diejenige gewesen, der sie solche Grenzenlosigkeit zugeschrieben hatte. Dass sie inzwischen nicht mehr vollkommen sicher war, was Hope selbst tun könnte, wenn jemand vor ihr stünde, den sie wirklich hasste, war erheblich unangenehmer.
Noch unangenehmer wurde es, als Mammon mit beinahe sichtbarer Vorfreude darüber sprach, dabei zuzusehen. Hope musterte ihn einige Sekunden schweigend und bemerkte dabei jenes Aufleuchten in seinen Augen, als er über Folterinstrumente, Verletzungen und sogar darüber sprach, ob sie den Menschen am Ende leben lassen würde. „Du würdest dabei zusehen…?“, stellte sie schließlich leise fest. Es war keine wirkliche Frage. Ihre Stirn zog sich etwas zusammen. „Für dich wäre das wirklich… Unterhaltung...?“ Das Wort fühlte sich seltsam bitter an. Für Mammon mochte der erste Versuch eines Menschen, einen anderen zu foltern, etwas Unvorhersehbares und deshalb Spannendes sein. Für Hope wäre es etwas völlig anderes. Etwas Hässliches, Privates, vielleicht sogar etwas, wofür sie sich hinterher selbst nicht mehr ansehen konnte. Dass seine Neugier sich trotzdem ausgerechnet daran entzündete, ließ den Reiz des Angebots nicht verschwinden, aber er veränderte ihn.
„Wenn ich das jemals tue…“ Hope stockte und bemerkte selbst, dass sie nicht falls, sondern beinahe selbstverständlich wenn gesagt hatte. Ihr Blick glitt für einen Moment zur Seite. „…dann glaube ich nicht, dass ich möchte, dass jemand dabei zusieht.“ Auch das klang nicht wie eine Forderung. Dafür war sie selbst viel zu unsicher, ob sie diesen Gedanken überhaupt weiterdenken durfte. Dennoch blieb etwas daran bestehen: Wenn sie diesen Teil von sich eines Tages wirklich herausließ, wollte sie nicht, dass Mammon danebenstand und daraus eine Vorstellung machte. Sie war eine seiner Marionetten, die er an ihren Fäden tanzen lassen konnte. Niemals!
Gleichzeitig entging ihr nicht, wie geschickt er ihr etwas angeboten hatte, das sie trotz aller Bedenken noch immer nicht vollständig ablehnen konnte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb seine Art von Geschäften funktionierte. Nicht weil Menschen immer gezwungen werden mussten, sondern weil er offenbar ziemlich gut darin war, ihnen etwas vor die Nase zu halten, das sie selbst unbedingt haben wollten.
Seine Behauptung, das Spielen am Flügel sei tatsächlich nichts anderes als Spaß, beantwortete Hope diesmal lediglich mit einem kurzen Blick. Ihre Mundwinkel zuckten so schwach, dass kaum zu erkennen war, ob darin überhaupt ein Lächeln lag, ehe sie es dabei beließ. Er durfte es nennen, wie er wollte.
Wesentlich weniger leicht ließ sich dagegen ignorieren, was wenige Augenblicke später im Fahrstuhl geschah. Als Mammon seine Hand erneut zu den Knöpfen bewegte, erwartete Hope zunächst nichts weiter als irgendeine weitere Etage oder vielleicht eine Änderung des Ziels. Das plötzliche Verstummen des gleichmäßigen Summens unter ihren Füßen traf sie deshalb umso unmittelbarer. Die Bewegung hörte auf. Die Zahlen über der Tür blieben stehen. Für einen Herzschlag verstand sie nicht, was er getan hatte, dann sah sie den stillstehenden Aufzug und spürte, wie sich ihr Brustkorb zusammenzog.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, drehte Mammon sich bereits vollständig zu ihr. Hope wich reflexartig zurück, obwohl hinter ihr längst keine wirkliche Möglichkeit mehr bestand, Abstand zu gewinnen. Ihre Schulterblätter trafen die kühle Wand, wenig später lag ihr Rücken vollständig dagegen, und ebenso ihre Handflächen, während sich ihre Hände plötzlich keinen Millimeter mehr bewegten konnten. Der Taschenriemen hing zwischen ihren Fingern, aber selbst die nervöse Bewegung daran war verschwunden. Ihr Körper hatte schneller reagiert als ihr Verstand.
Stillhalten. Nicht provozieren. Abwarten. Mammons Arm glitt an ihrem Kopf vorbei und stützte sich neben ihr gegen die Wand, wodurch der letzte Rest von offenem Raum plötzlich noch kleiner wirkte. Seine Körperwärme erreichte sie, bevor er sie überhaupt berührte. Ebenso sein Parfüm, dunkel und warm, vermischt mit dem herben Geruch des Scotchs und etwas Eigenem darunter, das Hope nicht benennen konnte. Als sein Gesicht an ihrem vorbeiglitt und seine Lippen ihrem Ohr so nahekamen, dass sein Atem ihre Haut streifte, stellten sich feine Härchen an ihrem Nacken auf. Ihr eigener Atem blieb hoch in der Brust hängen. Sie bewegte sich trotzdem nicht. Nicht weil sie ihm damit irgendetwas erlaubte, sondern weil ihre Muskeln sich angefühlt hatten, als hätten sie vergessen, wie Bewegung überhaupt funktionierte.
Seine leise geraunten Worte machten diese Starre nur komplizierter. Dein Körper hat schon längst andere Signale abgegeben. Hope hätte ihm gern augenblicklich widersprochen. Das Problem war nur, dass sie ihren eigenen Körper in diesem Moment viel zu deutlich spürte, um die Behauptung einfach als Lüge von sich weisen zu können: Ihr Herz schlug schnell genug, dass sie den Puls bis in ihren Hals spürte. Wärme hatte sich längst in ihrem Gesicht gesammelt und sank inzwischen tiefer, während ihre Haut zugleich empfindlicher auf jede Veränderung der Luft zwischen ihnen reagierte. Sein Atem an ihrem Ohr jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der sich nicht ausschließlich unangenehm anfühlte, und genau diese Erkenntnis ließ einen neuen Anflug von Panik durch sie ziehen. War das Angst? Der Alkohol? Anziehung? Konnte all das gleichzeitig wahr sein?
Hope hatte kaum Zeit, den Gedanken überhaupt zu fassen, bevor Mammons Hand an der Außenseite ihres Oberschenkels landete. Selbst durch den Stoff hindurch war seine Wärme deutlich. Ihre Muskulatur spannte sich unter seiner Berührung an, doch als seine Hand langsam höher wanderte, nahm ihr Körper jede einzelne Bewegung beinahe erschreckend genau wahr. Den Druck an ihrer Hüfte. Die Wärme über ihrem Bauch. Die Nähe seiner Finger zu ihrer Brust, ohne sie tatsächlich zu berühren. Dann das Schlüsselbein, wo ihre Haut bereits empfindlicher war als dort, wo Stoff zwischen ihnen lag.
Hope zog scharf Luft ein, als seine Finger ihren Hals erreichten. Etwas in ihr wollte zurückweichen, doch hinter ihr befand sich weiterhin nur die Wand, und gleichzeitig gab es einen anderen, viel leiser auftauchenden Impuls, der sie ebenso erschreckte: Sie wollte auch nicht, dass er sofort aufhörte. Dieser Gedanke war kaum entstanden, als Bilder dagegen stießen, unvollständig und viel älter – kein Platz hinter ihr, Hände, die vorher nicht gefragt hatten, Entscheidungen, die längst getroffen worden waren, bevor Hope überhaupt verstanden hatte, dass sie hätte entscheiden dürfen. Für einen Moment wusste sie nicht mehr, welcher Teil ihrer Reaktion zu welchem Gefühl gehörte. Sie hätte in diesem Moment innerlich schreien können, doch aus zwei gänzlich verschiedenen Gründen.
Als Mammons Finger schließlich ihr Kinn erreichten und dann über die empfindliche Haut bis zu ihrer Unterlippe wanderten, öffnete sich Hopes Mund unwillkürlich einen Spalt. Sein Zeigefinger zog ihre Lippe leicht nach unten, und ihr Atem strich warm dagegen, während sie ihn mit großen Augen von unten ansah. Seine Nähe war beinahe unerträglich. Nur ein Hauch lag noch zwischen ihren Mündern. Hope konnte jede kleine Veränderung seines Ausdrucks erkennen, jeden Atemzug beinahe mehr fühlen als hören, und irgendwo tief unter der Angst zog sich etwas in ihrem Bauch zusammen, das sie nicht kannte oder zumindest nie auf diese Weise hatte kennenlernen wollen.
Dann sagte Mammon, dass sie es willig zulassen würde. Die Worte trafen sie beinahe härter als seine Hand, die sich ungefragt Zugang zu ihrem Körper verschafft hatte. Denn sie stand tatsächlich still. Ihr Mund war noch immer leicht geöffnet. Ihr Herz raste, ihre Haut brannte an den Stellen, die er berührt hatte, und ein Teil ihres Körpers schien auf die Möglichkeit, dass er die verbliebene Distanz zwischen ihren Lippen wirklich schließen könnte, mit etwas zu reagieren, das erschreckend wenig mit Abwehr zu tun hatte.
Aber bedeutete das, dass sie es wollte? Hope wusste es nicht. Ihre Erinnerungen schrien ihr etwas anderes entgegen als ihr Körper. Ihr Verstand suchte nach einer Grenze, während ihre Haut Mammons Berührung noch immer registrierte und auf mehr davon reagierte. Sie konnte diese widersprüchlichen Ebenen plötzlich nicht mehr sauber voneinander trennen, und als er ihr schließlich auch noch erklärte, dass er sie einfach küssen würde, weil ihr Körper es seiner Meinung nach ebenso wollte, brachte Hope keinen Laut hervor. Ihre Augen blieben an seinen hängen wie an Magnete. Für einen winzigen Moment glaubte sie sogar, dass er es tatsächlich tun würde – und wusste zu ihrem eigenen Entsetzen nicht, ob der Schauer, der sie dabei durchlief, aus Angst oder Erwartung entstand.
Dann trat Mammon zurück. Die Veränderung war erneut so abrupt, dass Hope erst begriff, wie sehr er ihre Nähe ausgefüllt hatte, als plötzlich wieder Luft zwischen ihnen war. Kurz darauf setzte sich der Fahrstuhl erneut in Bewegung. Das leise Summen kehrte zurück, die Zahlen über der Tür wechselten wieder, und Hope drehte den Kopf zur Seite, als müsste sie ihren Blick irgendwohin richten, wo Mammon sich nicht befand. Erst jetzt gelang ihr ein tieferer Atemzug. Ihre Brust hob sich merklich, dann noch einmal, während etwas von der Starre aus ihren Muskeln wich und stattdessen ein feines Zittern in ihre Beine kroch. Es wurde stärker, je länger sie wieder allein auf ihren eigenen Füßen stehen musste, sodass sie die Knie beinahe unmerklich gegeneinander drückte. Sie fühlte sich erschöpft, obwohl kaum mehr als wenige Augenblicke vergangen sein konnten.
Ihre Hand hob sich langsam und legte sich an die Seite ihres Halses, genau dorthin, wo Mammons Finger entlanggeglitten waren. Die Haut fühlte sich nicht anders an und gleichzeitig vollkommen anders. Ihre Fingerspitzen strichen darüber, als müsste sie überprüfen, ob die Stelle wieder ihr gehörte – und vielleicht auch, ob sie noch irgendeinen Nachhall seiner Berührung finden konnte. Danach wanderte ihr Zeigefinger beinahe unbewusst zu ihrer Unterlippe. Hope berührte sie vorsichtig und zog die Hand sofort wieder ein Stück zurück, irritiert davon, wie empfindlich sich selbst diese eigene Berührung gerade anfühlte.
Eine ganze Weile sagte sie nichts. Ihr Blick blieb auf ihre Finger gerichtet, als könnten sie ihr eine Antwort geben, die ihr eigener Kopf gerade nicht fand.
„Ist mein Körper also untrennbar mit meinem Willen verbunden?“, fragte sie schließlich. Ihre Stimme zitterte deutlich und besaß nichts Herausforderndes. Es war eine wirkliche Frage, beinahe mehr an sich selbst als an Mammon gerichtet. Ihre Stirn zog sich zusammen. „Wenn ich Angst habe, schlägt mein Herz auch schneller.“ Hope schluckte und hob den Blick nur langsam zu ihm. „Bedeutet das, dass ich Angst haben will?“ Die Logik erschien ihr plötzlich so einfach und gleichzeitig reichte sie nicht aus, um das zu erklären, was gerade passiert war. Denn sie hatte nicht ausschließlich Angst empfunden. Genau das machte es schlimmer. Ihr Körper hatte auf Mammon reagiert, vielleicht sogar auf eine Weise, die er richtig erkannt hatte, aber Hope war sich immer weniger sicher, ob ein Körper allein überhaupt entscheiden durfte, was ein Mensch wollte.
„Du hast einfach entschieden, was meine Reaktion für mich bedeutet“, sagte sie schließlich leise. Ihre Hand sank wieder von ihrem Gesicht, blieb aber dicht vor ihrem Körper, während sie noch immer näher an der Wand stand, als eigentlich nötig gewesen wäre. Erst nach einigen Sekunden begegnete sie Mammons Blick wieder vollständig. Ihr Gesicht war noch immer gerötet, ihre Beine fühlten sich unsicher an, und von der unbeabsichtigten Herausforderung ihrer ersten Frage war kaum noch etwas übrig. „Ob ich dich will oder nicht…“, begann sie und musste kurz neu ansetzen, weil ihre Stimme beinahe versagte. Beinahe wütend darüber biss sie sich ansatzweise kurz auf die Unterlippe. Ihre Augen wichen für einen Herzschlag aus, bevor sie wieder zu ihm zurückkehrten. „…solltest du vielleicht mir überlassen.“
Sie hatte ihm gesagt, was sie meinte. Mehr konnte sie vermutlich ohnehin nicht tun, wenn es in Mammons Vorstellung diesen Zwischenraum schlicht nicht gab. Vielleicht war es für jemanden, der so aufgewachsen war wie er, tatsächlich selbstverständlich, einen Menschen zu begehren und daraus unmittelbar das Recht abzuleiten, diesem Begehren nachzugehen. Für Hope fühlte sich allein diese Vorstellung fremd genug an, dass sie sie nicht weiter auseinandernehmen wollte. Ein kaum hörbares „Hm“ war schließlich alles, was sie darauf erwiderte, mehr ein Eingeständnis, dass sie seine Sicht gehört hatte, als Zustimmung dazu.
Sehr viel schwerer ließ sich dagegen ignorieren, was Mammon unmittelbar danach aus ihrem Wunsch nach Rache machte. Noch vor wenigen Minuten hatte dieser Wunsch hauptsächlich aus Erinnerungen bestanden, aus Gesichtern, Stimmen und dem dumpfen Wissen darum, dass irgendwo Menschen lebten, die ihr Dinge angetan hatten und vermutlich längst wieder schliefen, aßen, arbeiteten und ihren Alltag führten, während Hope selbst manches davon bis heute mit sich herumtrug.
Mammons Worte gaben diesem Wunsch nun plötzlich einen Raum, Wände, eine verschlossene Tür und Instrumente, deren Zweck keinerlei Interpretationsspielraum ließ. Ihre Finger wurden wieder unruhiger am Riemen der Tasche, doch ihr Blick blieb dieses Mal an ihm hängen.
„Ich… ich weiß nicht, was ich tun würde“, brachte sie schließlich hervor. Die Worte waren leiser geworden, je länger sie darüber nachdachte. In ihrem Kopf stand für einen Moment tatsächlich einer der Ärzte vor ihr, nicht in einem weißen Kittel und nicht mit jener selbstverständlichen Autorität, mit der er früher entschieden hatte, was für sie richtig war, sondern dort unten in einem Raum, aus dem er nicht einfach hinausgehen konnte. Danach ein Pfleger. Einer von denen, die Schlüssel besessen hatten und ihn immer wieder provokativ vor ihrer Nase hatte tanzen lassen – ausschließlich zur Machtdemonstration. Diesmal wäre sie diejenige mit dem Schlüssel. Die Vorstellung löste einen so widersprüchlichen Zug in ihrem Inneren aus, dass Hope kaum wusste, welcher Teil davon sie mehr erschreckte.
„Vielleicht würde ich gar nichts tun können, wenn wirklich jemand vor mir steht“, fuhr sie nach einer Weile stockend fort und senkte kurz den Blick. „Oder vielleicht…“ Sie verstummte, weil die zweite Möglichkeit viel schwieriger auszusprechen war. Ihre Finger verharrten plötzlich. „Vielleicht würde ich nicht wissen, wann ich aufhören muss.“ Kaum waren die Worte heraus, hob Hope den Blick wieder zu Mammon, als hätte sie selbst von jemand anderem gesprochen. Lamia war immer diejenige gewesen, der sie solche Grenzenlosigkeit zugeschrieben hatte. Dass sie inzwischen nicht mehr vollkommen sicher war, was Hope selbst tun könnte, wenn jemand vor ihr stünde, den sie wirklich hasste, war erheblich unangenehmer.
Noch unangenehmer wurde es, als Mammon mit beinahe sichtbarer Vorfreude darüber sprach, dabei zuzusehen. Hope musterte ihn einige Sekunden schweigend und bemerkte dabei jenes Aufleuchten in seinen Augen, als er über Folterinstrumente, Verletzungen und sogar darüber sprach, ob sie den Menschen am Ende leben lassen würde. „Du würdest dabei zusehen…?“, stellte sie schließlich leise fest. Es war keine wirkliche Frage. Ihre Stirn zog sich etwas zusammen. „Für dich wäre das wirklich… Unterhaltung...?“ Das Wort fühlte sich seltsam bitter an. Für Mammon mochte der erste Versuch eines Menschen, einen anderen zu foltern, etwas Unvorhersehbares und deshalb Spannendes sein. Für Hope wäre es etwas völlig anderes. Etwas Hässliches, Privates, vielleicht sogar etwas, wofür sie sich hinterher selbst nicht mehr ansehen konnte. Dass seine Neugier sich trotzdem ausgerechnet daran entzündete, ließ den Reiz des Angebots nicht verschwinden, aber er veränderte ihn.
„Wenn ich das jemals tue…“ Hope stockte und bemerkte selbst, dass sie nicht falls, sondern beinahe selbstverständlich wenn gesagt hatte. Ihr Blick glitt für einen Moment zur Seite. „…dann glaube ich nicht, dass ich möchte, dass jemand dabei zusieht.“ Auch das klang nicht wie eine Forderung. Dafür war sie selbst viel zu unsicher, ob sie diesen Gedanken überhaupt weiterdenken durfte. Dennoch blieb etwas daran bestehen: Wenn sie diesen Teil von sich eines Tages wirklich herausließ, wollte sie nicht, dass Mammon danebenstand und daraus eine Vorstellung machte. Sie war eine seiner Marionetten, die er an ihren Fäden tanzen lassen konnte. Niemals!
Gleichzeitig entging ihr nicht, wie geschickt er ihr etwas angeboten hatte, das sie trotz aller Bedenken noch immer nicht vollständig ablehnen konnte. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb seine Art von Geschäften funktionierte. Nicht weil Menschen immer gezwungen werden mussten, sondern weil er offenbar ziemlich gut darin war, ihnen etwas vor die Nase zu halten, das sie selbst unbedingt haben wollten.
Seine Behauptung, das Spielen am Flügel sei tatsächlich nichts anderes als Spaß, beantwortete Hope diesmal lediglich mit einem kurzen Blick. Ihre Mundwinkel zuckten so schwach, dass kaum zu erkennen war, ob darin überhaupt ein Lächeln lag, ehe sie es dabei beließ. Er durfte es nennen, wie er wollte.
Wesentlich weniger leicht ließ sich dagegen ignorieren, was wenige Augenblicke später im Fahrstuhl geschah. Als Mammon seine Hand erneut zu den Knöpfen bewegte, erwartete Hope zunächst nichts weiter als irgendeine weitere Etage oder vielleicht eine Änderung des Ziels. Das plötzliche Verstummen des gleichmäßigen Summens unter ihren Füßen traf sie deshalb umso unmittelbarer. Die Bewegung hörte auf. Die Zahlen über der Tür blieben stehen. Für einen Herzschlag verstand sie nicht, was er getan hatte, dann sah sie den stillstehenden Aufzug und spürte, wie sich ihr Brustkorb zusammenzog.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, drehte Mammon sich bereits vollständig zu ihr. Hope wich reflexartig zurück, obwohl hinter ihr längst keine wirkliche Möglichkeit mehr bestand, Abstand zu gewinnen. Ihre Schulterblätter trafen die kühle Wand, wenig später lag ihr Rücken vollständig dagegen, und ebenso ihre Handflächen, während sich ihre Hände plötzlich keinen Millimeter mehr bewegten konnten. Der Taschenriemen hing zwischen ihren Fingern, aber selbst die nervöse Bewegung daran war verschwunden. Ihr Körper hatte schneller reagiert als ihr Verstand.
Stillhalten. Nicht provozieren. Abwarten. Mammons Arm glitt an ihrem Kopf vorbei und stützte sich neben ihr gegen die Wand, wodurch der letzte Rest von offenem Raum plötzlich noch kleiner wirkte. Seine Körperwärme erreichte sie, bevor er sie überhaupt berührte. Ebenso sein Parfüm, dunkel und warm, vermischt mit dem herben Geruch des Scotchs und etwas Eigenem darunter, das Hope nicht benennen konnte. Als sein Gesicht an ihrem vorbeiglitt und seine Lippen ihrem Ohr so nahekamen, dass sein Atem ihre Haut streifte, stellten sich feine Härchen an ihrem Nacken auf. Ihr eigener Atem blieb hoch in der Brust hängen. Sie bewegte sich trotzdem nicht. Nicht weil sie ihm damit irgendetwas erlaubte, sondern weil ihre Muskeln sich angefühlt hatten, als hätten sie vergessen, wie Bewegung überhaupt funktionierte.
Seine leise geraunten Worte machten diese Starre nur komplizierter. Dein Körper hat schon längst andere Signale abgegeben. Hope hätte ihm gern augenblicklich widersprochen. Das Problem war nur, dass sie ihren eigenen Körper in diesem Moment viel zu deutlich spürte, um die Behauptung einfach als Lüge von sich weisen zu können: Ihr Herz schlug schnell genug, dass sie den Puls bis in ihren Hals spürte. Wärme hatte sich längst in ihrem Gesicht gesammelt und sank inzwischen tiefer, während ihre Haut zugleich empfindlicher auf jede Veränderung der Luft zwischen ihnen reagierte. Sein Atem an ihrem Ohr jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der sich nicht ausschließlich unangenehm anfühlte, und genau diese Erkenntnis ließ einen neuen Anflug von Panik durch sie ziehen. War das Angst? Der Alkohol? Anziehung? Konnte all das gleichzeitig wahr sein?
Hope hatte kaum Zeit, den Gedanken überhaupt zu fassen, bevor Mammons Hand an der Außenseite ihres Oberschenkels landete. Selbst durch den Stoff hindurch war seine Wärme deutlich. Ihre Muskulatur spannte sich unter seiner Berührung an, doch als seine Hand langsam höher wanderte, nahm ihr Körper jede einzelne Bewegung beinahe erschreckend genau wahr. Den Druck an ihrer Hüfte. Die Wärme über ihrem Bauch. Die Nähe seiner Finger zu ihrer Brust, ohne sie tatsächlich zu berühren. Dann das Schlüsselbein, wo ihre Haut bereits empfindlicher war als dort, wo Stoff zwischen ihnen lag.
Hope zog scharf Luft ein, als seine Finger ihren Hals erreichten. Etwas in ihr wollte zurückweichen, doch hinter ihr befand sich weiterhin nur die Wand, und gleichzeitig gab es einen anderen, viel leiser auftauchenden Impuls, der sie ebenso erschreckte: Sie wollte auch nicht, dass er sofort aufhörte. Dieser Gedanke war kaum entstanden, als Bilder dagegen stießen, unvollständig und viel älter – kein Platz hinter ihr, Hände, die vorher nicht gefragt hatten, Entscheidungen, die längst getroffen worden waren, bevor Hope überhaupt verstanden hatte, dass sie hätte entscheiden dürfen. Für einen Moment wusste sie nicht mehr, welcher Teil ihrer Reaktion zu welchem Gefühl gehörte. Sie hätte in diesem Moment innerlich schreien können, doch aus zwei gänzlich verschiedenen Gründen.
Als Mammons Finger schließlich ihr Kinn erreichten und dann über die empfindliche Haut bis zu ihrer Unterlippe wanderten, öffnete sich Hopes Mund unwillkürlich einen Spalt. Sein Zeigefinger zog ihre Lippe leicht nach unten, und ihr Atem strich warm dagegen, während sie ihn mit großen Augen von unten ansah. Seine Nähe war beinahe unerträglich. Nur ein Hauch lag noch zwischen ihren Mündern. Hope konnte jede kleine Veränderung seines Ausdrucks erkennen, jeden Atemzug beinahe mehr fühlen als hören, und irgendwo tief unter der Angst zog sich etwas in ihrem Bauch zusammen, das sie nicht kannte oder zumindest nie auf diese Weise hatte kennenlernen wollen.
Dann sagte Mammon, dass sie es willig zulassen würde. Die Worte trafen sie beinahe härter als seine Hand, die sich ungefragt Zugang zu ihrem Körper verschafft hatte. Denn sie stand tatsächlich still. Ihr Mund war noch immer leicht geöffnet. Ihr Herz raste, ihre Haut brannte an den Stellen, die er berührt hatte, und ein Teil ihres Körpers schien auf die Möglichkeit, dass er die verbliebene Distanz zwischen ihren Lippen wirklich schließen könnte, mit etwas zu reagieren, das erschreckend wenig mit Abwehr zu tun hatte.
Aber bedeutete das, dass sie es wollte? Hope wusste es nicht. Ihre Erinnerungen schrien ihr etwas anderes entgegen als ihr Körper. Ihr Verstand suchte nach einer Grenze, während ihre Haut Mammons Berührung noch immer registrierte und auf mehr davon reagierte. Sie konnte diese widersprüchlichen Ebenen plötzlich nicht mehr sauber voneinander trennen, und als er ihr schließlich auch noch erklärte, dass er sie einfach küssen würde, weil ihr Körper es seiner Meinung nach ebenso wollte, brachte Hope keinen Laut hervor. Ihre Augen blieben an seinen hängen wie an Magnete. Für einen winzigen Moment glaubte sie sogar, dass er es tatsächlich tun würde – und wusste zu ihrem eigenen Entsetzen nicht, ob der Schauer, der sie dabei durchlief, aus Angst oder Erwartung entstand.
Dann trat Mammon zurück. Die Veränderung war erneut so abrupt, dass Hope erst begriff, wie sehr er ihre Nähe ausgefüllt hatte, als plötzlich wieder Luft zwischen ihnen war. Kurz darauf setzte sich der Fahrstuhl erneut in Bewegung. Das leise Summen kehrte zurück, die Zahlen über der Tür wechselten wieder, und Hope drehte den Kopf zur Seite, als müsste sie ihren Blick irgendwohin richten, wo Mammon sich nicht befand. Erst jetzt gelang ihr ein tieferer Atemzug. Ihre Brust hob sich merklich, dann noch einmal, während etwas von der Starre aus ihren Muskeln wich und stattdessen ein feines Zittern in ihre Beine kroch. Es wurde stärker, je länger sie wieder allein auf ihren eigenen Füßen stehen musste, sodass sie die Knie beinahe unmerklich gegeneinander drückte. Sie fühlte sich erschöpft, obwohl kaum mehr als wenige Augenblicke vergangen sein konnten.
Ihre Hand hob sich langsam und legte sich an die Seite ihres Halses, genau dorthin, wo Mammons Finger entlanggeglitten waren. Die Haut fühlte sich nicht anders an und gleichzeitig vollkommen anders. Ihre Fingerspitzen strichen darüber, als müsste sie überprüfen, ob die Stelle wieder ihr gehörte – und vielleicht auch, ob sie noch irgendeinen Nachhall seiner Berührung finden konnte. Danach wanderte ihr Zeigefinger beinahe unbewusst zu ihrer Unterlippe. Hope berührte sie vorsichtig und zog die Hand sofort wieder ein Stück zurück, irritiert davon, wie empfindlich sich selbst diese eigene Berührung gerade anfühlte.
Eine ganze Weile sagte sie nichts. Ihr Blick blieb auf ihre Finger gerichtet, als könnten sie ihr eine Antwort geben, die ihr eigener Kopf gerade nicht fand.
„Ist mein Körper also untrennbar mit meinem Willen verbunden?“, fragte sie schließlich. Ihre Stimme zitterte deutlich und besaß nichts Herausforderndes. Es war eine wirkliche Frage, beinahe mehr an sich selbst als an Mammon gerichtet. Ihre Stirn zog sich zusammen. „Wenn ich Angst habe, schlägt mein Herz auch schneller.“ Hope schluckte und hob den Blick nur langsam zu ihm. „Bedeutet das, dass ich Angst haben will?“ Die Logik erschien ihr plötzlich so einfach und gleichzeitig reichte sie nicht aus, um das zu erklären, was gerade passiert war. Denn sie hatte nicht ausschließlich Angst empfunden. Genau das machte es schlimmer. Ihr Körper hatte auf Mammon reagiert, vielleicht sogar auf eine Weise, die er richtig erkannt hatte, aber Hope war sich immer weniger sicher, ob ein Körper allein überhaupt entscheiden durfte, was ein Mensch wollte.
„Du hast einfach entschieden, was meine Reaktion für mich bedeutet“, sagte sie schließlich leise. Ihre Hand sank wieder von ihrem Gesicht, blieb aber dicht vor ihrem Körper, während sie noch immer näher an der Wand stand, als eigentlich nötig gewesen wäre. Erst nach einigen Sekunden begegnete sie Mammons Blick wieder vollständig. Ihr Gesicht war noch immer gerötet, ihre Beine fühlten sich unsicher an, und von der unbeabsichtigten Herausforderung ihrer ersten Frage war kaum noch etwas übrig. „Ob ich dich will oder nicht…“, begann sie und musste kurz neu ansetzen, weil ihre Stimme beinahe versagte. Beinahe wütend darüber biss sie sich ansatzweise kurz auf die Unterlippe. Ihre Augen wichen für einen Herzschlag aus, bevor sie wieder zu ihm zurückkehrten. „…solltest du vielleicht mir überlassen.“

